Die Orbáns, Kaczyński und Gaulands werden weiter gegen eine Überfremdung polemisieren. In dem Moment aber, in dem sich ein entscheidender Teil der EU zu einer abgestimmten, proaktiven Politik aufschwingt, verlieren sie einiges an Wirkung.

Das ist nicht das Ende von Flucht und Migration, sondern der erste Schritt zu einem vernünftigen und halbwegs menschlichen Umgang damit. Wer nur alle paar Wochen über den deutschen und europäischen Tellerrand hinausblickt, weiß, dass die flüchtenden Syrer vom Herbst 2015 ein lächerlich kleiner Vorgeschmack waren auf die kommende Epoche der Wanderungen. Zufluchtsländer wie Uganda, Pakistan oder Jordanien sind das längst gewöhnt. Auch Europa wird sich daran gewöhnen müssen.

Das ist verständlicherweise eine verstörende Einsicht für Politiker, weswegen sich keine einzige Partei in Deutschland bislang traut, Klartext zu reden. Innerhalb Europas wagt derzeit nur Emmanuel Macron auszusprechen, dass sich in Afrika und im Nahen Osten nicht weniger, sondern mehr Menschen auf den Weg machen werden. Macron schiebt das auf das Bevölkerungswachstum in afrikanischen Ländern. Er weiß es vermutlich besser. Demographie ist nur einer von vielen Faktoren. Korruption, Misswirtschaft und Bürgerkriege sind andere. Ebenso der Kuchen des Wohlstands, den immer noch so viele Europäer für selbst gebacken halten.

Klimawandel ist Fluchtursache

Dass aber koloniale Ausbeutung Europas Sprungbrett in die Modernisierung war, ist eine historische Binsenweisheit, die langsam in die Köpfe einsickern sollte. Und dass die Handelsbeziehungen zwischen europäischen und afrikanischen Staaten immer noch eindeutig zum Vorteil Ersterer ausgelegt sind, sollte inzwischen auch bekannt sein.

Wenn die EU mit billigen, subventionierten Agrarprodukten die Märkte afrikanischer Länder überschwemmt und deren Bauern in den Ruin treibt, machen sich eben immer mehr Afrikaner auf den Weg. Unter anderem nach Europa, wo sie derzeit zu Tausenden als Arbeitssklaven in den Händen der Mafia auf italienischen Feldern die Tomaten pflücken, deren Export die Landwirtschaft in ihren Ländern kaputt gemacht hat. 


Wenn wir Wohlstandskonsumenten weiterhin Smartphones mit Rohstoffen aus Konfliktgebieten kaufen, und Länder wie Pakistan und Bangladesch als Sweatshops für unsere Billigkleidung benutzen, entstehen dort auch eben keine ökonomische Perspektiven für die Menschen. Da können wir hier noch so viel Fair-Trade-Schokolade futtern und Marshallpläne für Afrika verkünden.

Und wenn wir Europäer, allen voran wir Deutsche, uns weiterhin nicht um unseren CO2-Ausstoß scheren, müssen wir uns nicht wundern, wenn der Klimawandel immer mehr Menschen in Asien und Afrika zur Flucht treibt. Den Menschen im Irak, Iran und auf der arabischen Halbinsel drohen in den nächsten 70 Jahren Sommertemperaturen, die tödlich sind. Viele von ihnen werden fliehen. An die Küsten. Auf’s Meer. Auch nach Europa.