Angela Merkel hätte sich beinahe schämen müssen, nach Brüssel zu kommen. Es sind nicht ihre Gegner, die diesen Gedanken ausgesprochen haben, es war die Kanzlerin selbst: "Wenn wir trotz der letzten Erfolge in Brüssel jetzt zurückweisen, dann muss ich mich auf europäischer Ebene nicht mehr blicken lassen", sagte Merkel am Sonntagabend im Streit mit der CSU um die Asylpolitik. Gemeint war die auf dem jüngsten EU-Gipfel beschlossene weitere Abschottung Europas. Diese müsste eigentlich ganz im Sinne von Innenminister Horst Seehofer (CSU) sein. Lehnt er den Kompromiss trotzdem ab, kann ich einpacken und Deutschlands Ruf ist nachhaltig beschädigt – das war in diesem Moment Merkels Botschaft.

Nun haben sich die beiden doch im letzten Moment geeinigt – doch es bleibt der Eindruck: Deutschland ist für Europa nicht mehr so leicht auszurechnen. Auch das größte Mitgliedsland der EU kann von einem plötzlichen Populismus-Fieber erfasst werden.

Tatsächlich stand durch dieses innenpolitische Theater Deutschlands Ansehen auf dem Spiel. In Brüssel blickte man in den vergangenen Tagen und Wochen höchst verwundert und mit wachsender Beunruhigung auf die Regierungskrise in Berlin. Kaum jemand versteht, von welchen Leidenschaften die CSU getrieben wird.

Für eine eingehende Betrachtung der bayerischen Motive fehlt in Brüssel die Zeit und die Lust, denn es gibt große, dringendere Aufgaben, die zu bewältigen sind: den Euroraum festigen, den Brexit organisieren, Donald Trump überstehen, Wladimir Putin eindämmen, Matteo Salvini zähmen, die innere Zerrissenheit der EU heilen. Ein unzuverlässiges Deutschland ist das Letzte, was man da gebrauchen kann.

Große Sorgen in Brüssel

Der Gedanke daran raubte manchen in Brüssel den Schlaf. Doch so berechtigt die Sorge ist, sie resultiert aus der Macht der Gewohnheit. Ein Europa ohne Merkel erscheint vielen geradezu unvorstellbar, als täte sich ein schwarzes Loch auf. Das ist übertrieben, geradezu eine Verzerrung.

Ein stabiles Deutschland wird es auch ohne Merkel geben. Auf sie würde jemand anderes ins Kanzleramt folgen, und es wird kein Verrückter sein. Die Regierungsbildung in Berlin würde vielleicht ein wenig länger dauern, alles würde ein wenig komplizierter werden, aber Politik würde in einer Nach-Merkel-Zeit vielleicht auch debattenfreudiger, lebendiger, aufregender, konfrontativer und vielleicht sogar attraktiver. So viel Vertrauen in die demokratische Qualität Deutschlands sollte man auch in Brüssel haben.

Die Frage aber, die sich in Brüssel mit großer Dringlichkeit stellt: Wie europäisch ist dieses Deutschland noch, das sich solche Szenen leistet?