"Was ist dein Job, Abdul?", fragt die Frau auf der einen Seite des Bildes. "Tagsüber bin ich Drogendealer, nachts klaue ich Fahrräder", antwortet der junge afrikanische Mann. "Zwei Jobs! Toll, Abdul, nicht wie all diese italienischen Faulenzer", sagt daraufhin die Frau lächelnd. Bei der Frau handelt es sich um Laura Boldrini, die ehemalige Präsidentin des italienischen Abgeordnetenhauses. Der junge Mann steht sinnbildlich für die vielen Flüchtlinge, die in Italien leben.

Der rassistische Cartoon wird in Italien gerade in den sozialen Netzwerken herumgereicht. Ausfälle und Tweets wie "Heh, Kleine, nimm sie doch mit zu dir nach Hause, diese Scheißneger" – gerichtet an eine bekannte italienische Journalistin – sind mittlerweile Alltag. Natürlich steht nicht alles, was tagtäglich im Internet geteilt und in die Welt geschickt wird, automatisch spiegelbildlich für die ganze italienische Gesellschaft. Doch es sind eindeutige Hinweise auf eine Verrohung des Diskurses, eine Verschiebung der Debatte nach rechts.

Schüsse aus der Luftpistole

Denn es bleibt nicht mehr nur bei anonymen Ausfällen im Internet. Erst vor wenigen Tagen wurde ein einjähriges Roma-Baby in Rom mit einem Luftgewehr angeschossen. Das Kind musste operiert werden und ist immer noch in Lebensgefahr. Anfang Juli wurden ein junger Mann von der Elfenbeinküste und eine Frau aus Nigeria von Unbekannten mit einer Luftpistole verletzt. In Mestre hat ein Zahnarzt ein Schild vor seiner Praxis aufgehängt: "Meine Frau wurde von einem Neger angegriffen." An den Stränden von Rimini haben Aktivisten der rechtsextremen Gruppierung Forza Nuova Patrouillen organisiert, genauso auf den Straßen von Brescia in der Lombardei, vor allem in den Vierteln, in denen die meisten Ausländer wohnen. Ihre Begründung: "Die Italiener haben Angst hier."

Migranten, Invasion, Islamismus: In Italien wird praktisch über nichts anderes mehr gesprochen. Fakten spielen in der Debatte meist keine Rolle. Dabei sprechen die eine ganz andere Sprache: Kamen im ersten Halbjahr 2017 noch rund 170.000 Flüchtlinge an Italiens Küsten an, so waren es in diesem Jahr im selben Zeitraum nur noch rund 51.000. Die Zahl der Toten auf dem Mittelmeer ist dagegen deutlich gestiegen. 629 waren es laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Juni 2018 – 90 mehr als ein Jahr zuvor.

Wer es wagt, in italienischen Medien über diese rückläufige Entwicklung zu sprechen, wird als buonista (auf Deutsch: Gutmensch) abgestempelt. Ein Idiot, der die nachvollziehbaren Ängste der "normalen" Italiener nicht wahrhaben will. Denn Letztere fürchten angeblich, dass die "unkontrollierte Einwanderung die italienische Kultur zerstört". Die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer zu retten, ist für viele Italiener auch keine moralische Pflicht mehr.

Was ist los in Italien?

Gestützt wird diese Haltung von der rechtspopulistischen Regierung in Rom – bestehend aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung. Sie hat angekündigt, dass auch gerettete Flüchtlinge, die sich an Bord von Schiffen der EU-Marinemission Sophia befinden, nicht mehr in Italien aufgenommen werden. Italien sei unter den derzeitigen Umständen nicht mehr in der Lage, an der Mission teilzunehmen und sich entsprechend zu verhalten, lautet die lapidare Begründung. Bislang wurden nur die Flüchtlingsschiffe der Nichtregierungsorganisationen abgewiesen.

Was ist los in Italien? Wie konnte es so weit kommen? Es scheint, als sei mit den jüngsten Wahlen jeglicher Anstand verloren gegangen. Rassismus, Hass und Hetze dominieren den öffentlichen Diskurs. Frontmann der permanenten Entgleisungen ist Innenminister Matteo Salvini – und das nicht erst seit dem Wahlsieg seiner Lega im März. Salvini hat es denkbar einfach, denn die Opposition ist quasi nicht existent. Die Partito Democratico (PD) streitet immer noch über den ehemaligen Premierminister Matteo Renzi und darüber, welche Rolle er künftig in der Partei spielen soll. Niemand ruft zu Demonstrationen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf, die Prominenten des Landes glänzen mit Abwesenheit. Abgesehen vom Starschriftsteller Roberto Saviano oder dem Antimafiapriester Don Luigi Ciotti herrscht betretenes Schweigen. Das demokratische Italien scheint wie lahmgelegt.