Dass es nicht ohne Patzer gehen würde, stand schon vor Donald Trumps Besuch in London fest. Niemand hatte jedoch erwartet, dass der US-Präsident im Vorfeld die gesamte Brexit-Strategie der Premierministerin für gescheitert erklären würde – nur um wenige Stunden später einen Rückzieher zu machen und Theresa May mit Lob zu überschütten.

Die britische Regierungschefin, die seit Monaten gegen eine Rebellion der Brexit-Hardliner ankämpft, hatte sich von Trump viel erhofft: Sie wollte eine Zusage des Präsidenten, dass die USA einen Freihandelsvertrag mit Großbritannien abschließen würden. Ein solcher Deal mit der größten Wirtschaftsmacht wäre ein Signal, dass das Land auch nach dem Brexit "open for business" bleiben würde und dass Mays Strategie am Ende aufgehen könnte. "Unser Austritt aus der Europäischen Union gibt uns eine einmalige Gelegenheit", sagte die Premierministerin beim gestrigen Abendessen in Blenheim Palace, dem Geburtsort Winston Churchills. "Ein Freihandelsvertrag schafft Arbeitsplätze und Wachstum sowohl hier im Vereinigten Königreich als auch in den USA."

Doch zu dem Zeitpunkt hatte Trump dem britischen Revolverblatt The Sun bereits ein Interview gegeben, in dem er sagte, dass May den Brexit ruiniere. Er bezeichnete ihre Pläne als "sehr bedauerlich". In einem Weißbuch hatte die britische Regierung am Donnerstag ihre Vorschläge für einen relativ "weichen" Brexit vorgestellt, laut denen Großbritannien in vielerlei Hinsicht mit der EU-Wirtschaft verbunden bleiben solle. Aber eine solch enge Beziehung zur EU mache ein Abkommen mit den USA sehr unwahrscheinlich, warnte Trump.

Seine Kommentare sind nicht überraschend, denn der Präsident ist ein ausgesprochener Brexit-Befürworter. Die Schwächung der EU-Handelsgemeinschaft ist eines von Trumps übergeordneten Zielen, schreibt Robert Shrimsley, Kolumnist der Financial Times, und seine Intervention müsse in diesem Licht betrachtet werden. 

Und manche der Vorschläge im Weißbuch stellen tatsächlich ein Hindernis für einen britisch-amerikanischen Pakt dar: Das Problem sind insbesondere die EU-Produktstandards, die London nach dem Brexit beibehalten will. Demnach wären US-amerikanische Waren wie in Chlor gewaschene Hühnchen oder genveränderte Feldfrüchte weiterhin unzulässig in Großbritannien.

Abgesehen davon warnen Experten, dass ein Freihandelsabkommen mit den USA den staatlichen Gesundheitsdienst NHS vermehrt für US-Pharmaunternehmen öffnen und damit die Privatisierung vorantreiben könnte. Bei der großen Mehrheit der britischen Bevölkerung, die die öffentliche Gesundheitsversorgung überaus schätzt, würde dies auf starken Widerstand stoßen.

Das Sun-Interview? Fake News!  

Am Freitag, als das Weiße Haus sich bewusst wurde, was für eine Aufregung das Interview verursacht hatte, versuchte Trumps Pressesprecherin, zu beschwichtigen: "Der Präsident mag und respektiert die Premierministerin sehr", ließ sie verlauten. Ob es tatsächlich zu einem Sinneswandel gekommen war und May und Trump sich während ihrer privaten Unterredung nähergekommen waren, sollte sich erst in der gemeinsamen Pressekonferenz zeigen. Manche Kommentatoren hegten die Hoffnung, dass es zu einem Showdown im Stil des Films Tatsächlich Liebe kommen könnte, in dem Hugh Grant als Premierminister dem fiesen und schmierigen US-Präsidenten (Billy Bob Thornton) die Leviten liest.

Nichts dergleichen geschah. Beim Auftritt vor der Presse in Chequers ergingen sich May und Trump in ostentativer Zweisamkeit, sie sprachen von "enger Partnerschaft", "transatlantischer Einheit" und "gestärkter Kooperation". Sie schmunzelten, lachten und nickten sich zu. Theresa May, "diese unglaubliche Frau", mache einen hervorragenden Job, sagte Trump, ein bilaterales Handelsabkommen sollte selbstverständlich möglich sein. Und das Sun-Interview? "Fake News", meinte der Präsident. Er habe May lediglich Ratschläge zur Brexit-Strategie gegeben, die sie möglicherweise als etwas "brutal" empfunden habe. Die Beziehung zwischen den USA und Großbritannien sei "im höchsten Maße besonders". Feindselige Kommentare sparte sich Trump für die Reporter auf, während er für die Premierministerin nur Begeisterung übrighatte. 

Unberechenbar, bombastisch, eitel

Es war die übliche Trump-Show: unberechenbar, bombastisch und eitel. Aber es war auch ein offensichtlicher Versuch der Schadensbegrenzung. Theresa May wird erleichtert gewesen sein, dass Trump nicht noch nachgelegt hat und sie offen kritisierte. Aber die Schwierigkeiten, den Brexit-Plan mit einem Handelsabkommen mit den USA zu vereinen, bleiben bestehen – und Trump gab keine klare Zusage. Er gab sogar zu, dass er keine Ahnung habe, was May eigentlich in Bezug auf den Brexit tun wolle. Trotz des konzilianten Tons, den er am Freitagnachmittag anschlug, werden seine Kommentare in der Sun die Brexit-Anhänger stärken.

May steht vor einem Dilemma: Im Fall, dass die britische Regierung ein Abkommen mit den USA zustande bringt, wird sie zwar die Brexit-Enthusiasten beschwichtigen können – aber auf der anderen Seite wird sie den Zorn einer viel größeren Gruppe von Briten provozieren, die nicht nur gegen eine Aufweichung der Produktstandards sind, sondern auch gegen jede Anbiederung gegenüber dem US-Präsidenten. Wie groß die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung ist, konnte Trump auf seinem Rückflug von der Pressekonferenz nach London sehen, wo sich zu dem Zeitpunkt bereits Zehntausende Demonstranten versammelt hatten. Wenn Theresa May mit dem Trump-Besuch auch sonst nichts erreicht hat: Er wird doch in Erinnerung bleiben, weil der Präsident mehr Menschen auf die Straße getrieben hat als irgendein Gast vor ihm.