Politik wird über Sprache gemacht. Mit dem Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag im Oktober 2017 hat sich der Ton der Debatte in Deutschland verschärft. Aber auch in anderen Ländern haben populistische Stimmen zugenommen. Ekkehard Felder ist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Heidelberg – und gibt Auskunft über die Sprache des Populismus.

ZEIT ONLINE: Herr Felder, woran erkenne ich einen Populisten?

Ekkehard Felder: An bestimmten Redestrategien. Populistisches Sprechen schürt Angst, grenzt aus und homogenisiert die Vielfalt der Interessen und Ideen. Es erweckt den Eindruck, dass es eine Lösung gebe und damit auch "alles gesagt" sei. Wenn sich die AfD etwa auf den Willen des Volkes oder den gesunden Menschenverstand beruft, behauptet sie damit, dass man nicht mehr weiter diskutieren muss und beendet damit das Gespräch. Demokratie aber funktioniert, indem wir ständig verhandeln, im Dialog sind, verschiedene Interessen berücksichtigen und zu Lösungen kommen, die nie ohne Widerspruch bleiben.

Typisch ist auch, dass die Sprecher zwischen einem "Wir" und einem "Ihr" unterscheiden: "Wir hier unten und die da oben". Oder: "Wir versus die anderen." Damit richtet man sich gegen verschiedene Gruppen: gegen andere ethnische Gruppen, gegen Politiker und Politik allgemein, gegen Eliten, gegen Intellektuelle, gegen Institutionen. Wenn das "Wir" und das "Ihr" auf der gleichen gesellschaftlichen Ebene ist, sprechen wir von einem horizontalen Antagonismus.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Felder: Der AfD-Politiker Alexander Gauland sagte am Ende der Bundestagswahl im September 2017, "wir werden die Regierung jagen". Oder der US-amerikanische Präsident Donald Trump bezeichnete einen Bundesrichter als "sogenannten" Richter. Damit stellt er die Entscheidung und die Legitimation des Richters infrage. Als Präsident der USA bezweifelt er damit die institutionelle Rolle der Judikative und letztlich der Gewaltenteilung.

ZEIT ONLINE: Donald Trump greift also den Status des Richters an. Wenn das ein horizontaler Antagonismus ist, was ist dann ein vertikaler Antagonismus?

Felder: Vertikaler Antagonismus ist unten gegen oben – wenn Menschen mit Plakataufschriften wie "Wir sind das Volk" pauschal gegen die Elite und die Politiker demonstrieren. Hier werden also gesellschaftliche Funktionen angegriffen. Populistisches Sprechen gegen andere ethnische Gruppen fokussiert hingegen die nicht veränderbaren Merkmale wie Herkunft oder Geburt. Das passiert, wenn Alexander Gauland sagt, die Staatsministerin Aydan Özoguz könne "in Anatolien entsorgt werden". Es geht nicht um Politikinhalte, sondern er wendet sich gegen die Person und fokussiert ihre Wurzeln, die sie, anders als eine soziale Rolle, nicht ändern kann.

ZEIT ONLINE:  Wenn man den Wahlerfolg der AfD betrachtet, überzeugen diese Redestrategien offensichtlich viele Menschen. Warum?

Felder: Das könnte daran liegen, dass die Sprecher betonen, dass sie die Mehrheit und den gesunden Menschenverstand auf ihrer Seite haben. Das sieht man auch in anderen Ländern. Die Parteivorsitzende des früheren Front National Marine Le Pen kandidierte im Jahr 2016 für die Präsidentschaftswahl in Frankreich mit dem Satz "Au nom du peuple" (Im Namen des Volkes). Und Theresa May, die britische Politikerin der Conservative Party sagt, das britische Volk habe entschieden, die EU zu verlassen. Wenn man bedenkt, wie knapp die Abstimmung ausgefallen ist, ist das eine unzulässige Homogenisierung. Sie hätte einfach sagen können, die Mehrheit des britischen Volkes hat sich für den Brexit entschieden.