Am 15. Juli 2016 wurden Magomed Dolijew und seine Frau Marem in der nordkaukasischen Republik Inguschetien festgenommen. Die Bank, in der Marem Dolijewa als Kassiererin arbeitete, war ein paar Tage zuvor überfallen worden. Die Polizisten wollten das Ehepaar zwingen, die Schuld an dem Überfall zu gestehen. Marem Dolijewa wurde eine schwarze Plastiktüte über den Kopf gezogen, sie wurde geschlagen, gewürgt und mit Stromschlägen mehrere Stunden lang gefoltert, so erzählt sie später vor Gericht. Am späten Abend dann wurde sie freigelassen. Ihr Bruder sagte ihr, dass ihr Mann die Folter nicht überlebt hatte.

Schon die Tatsache, dass Marem Dolijew vor Gericht auftreten kann, dass es in ihrem Fall überhaupt zu einem Gerichtsprozess kam, wird als beispiellos für den Nordkaukasus angesehen. Denn unter den verurteilten Polizisten sind mehrere Mitarbeiter und der inzwischen ehemalige Leiter eines Zentrums zur Bekämpfung des Extremismus in der Region Inguschetien. Diese Abteilungen der russischen Polizei sind für ihre brutalen Arbeitsmethoden bekannt. Sie sind beauftragt, den Terrorismus zu bekämpfen – und so betrachten sich deren Mitarbeiter als über dem Gesetz stehend. Seit Jahren wird das Extremismuszentrum von Inguschetien eine Folterkammer genannt.  

Immerhin schuldig

An diesem Freitag fiel das Urteil: Die Peiniger von Marem und Magomed Dolijew wurden bestraft. Ein Militärgericht in Naltschik verhandelte ihren und weitere Fälle von Folter. Fünf Polizisten und ein Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB wurden zu Haftstrafen von drei bis zehn Jahren verurteilt. Ein weiterer Polizist erhielt eine Bewährungsstrafe. "Das Urteil ist zu milde", sagt Andrej Sabinin, der Anwalt, der vor Gericht die Interessen der Familie des getöteten Dolijew vertritt. "Aber immerhin wurden sie schuldig gesprochen." 

Menschenrechtler drängen seit Langem auf Ermittlungen gegen folternde Polizisten. Verfahren werden eingeleitet, aber dann wieder eingestellt, erzählt Timur Akijew, der das Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial in Inguschetien leitet. Polizisten seien immer "absolut sicher" gewesen, dass sie straflos davonkommen. Warum es in diesem Fall anders war, kann er nicht erklären. "Vielleicht gab es irgendwann den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat", sagt Akijew. Vielleicht habe es auch andere Gründe gegeben, um sogar einen FSB-Agenten festnehmen zu lassen, etwa einen internen Konflikt bei den Behörden. 

Videoaufnahmen von Misshandlungen

Die Nordkaukasus-Expertin Jekaterina Sokirjanskaja, die den Thinktank Zentrum für Konfliktforschung und –prävention leitet, sagt, dass dieser Gerichtsprozess nicht zufällig in Inguschetien stattfinde. "Inguschetien ist die liberalste Republik im Nordkaukasus", sagt sie. "Der Präsident der Republik, Junus-bek Jewkurow, ist offen für einen Dialog mit der Zivilgesellschaft." Doch auch, wenn die Lage etwas besser als in den Nachbarregionen sein mag, heißt es nicht, dass Folter in Inguschetien von nun an aufhört. Sokirjanskaja weist außerdem auf mehrere Fälle hin, in denen es den Verdacht auf Hinrichtungen gibt, der keine Verurteilung geschweige denn ein Gerichtsverfahren nach sich zog. Trotzdem glaubt sie, dass der Prozess ein Signal an die Polizisten in Inguschetien sein wird: "Sie werden an eine mögliche Strafe denken, bevor sie Menschen foltern." 

Das Urteil im Nordkaukasus kommt zu einer Zeit, in der ein anderer Folterskandal Russland erschüttert: Anlass ist ein grausames Video aus einer Strafkolonie in Jaroslawl, das vergangene Woche von der Zeitung Nowaja Gaseta veröffentlicht wurde. Es zeigt, wie mehrere Gefängniswärter auf einen Häftling einprügeln, der auf einem Tisch liegt und stöhnt. Die Wärter schlagen ihm mit Gummiknüppeln auf Fußsohlen und Beine, immer wieder gießen sie ihm Wasser über den Kopf. Die Folterungen wurden von der Bodycam eines Wärters aufgenommen.

Das Video kursierte in sozialen Medien und sorgte für so starkes Entsetzen, dass sogar das russische Staatsfernsehen über den Fall berichtete. Sechs Mitarbeiter der Strafkolonie sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Die Vorsitzende des Föderationsrates Walentina Matwijenko sprach von einem "grausamen Verbrechen" und forderte eine Reform der Strafvollzugsbehörde.