Mehr als 1.000 Menschen sind dieses Jahr bei der Überfahrt über das Mittelmeer ertrunken. Ist den Fliehenden in Afrika die Gefahr bewusst? Mit welchen Vorstellungen treten die Menschen die Flucht an? Ein Interview mit Florence Kim, Sprecherin der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Senegal.

ZEIT ONLINE: Frau Kim, Italien hat seine Häfen für private Rettungsschiffe geschlossen, davor trieben NGO-Schiffe tagelang auf dem Mittelmeer, weil sie nirgends anlegen konnten. Was bedeuten diese Entwicklungen für Migranten?

Florence Kim: Sie bekommen das natürlich mit. Auch die Schlepper. Die haben Radar, die checken den Wetterbericht, die wissen, wann Boote patrouillieren. Die Migranten wissen das auch. Aber es ist kein entscheidender Faktor für Sie.

ZEIT ONLINE: Gegner privater Rettungsdienste argumentieren, die Helfer machten sich ungewollt zu Komplizen der Schleuser und beförderten damit das Geschäftsmodell. Es gibt aber auch andere Studien über Seenotrettungsdienste, die sagen, es gäbe keinen Anstieg der Überfahrten durch mehr Hilfe. Was sind Ihre Erfahrungen?

Kim: Als Italien nach dem großen Bootsunglück vor Lampedusa 2013 das Mare-Nostrum-Programm startete, hat das nicht zu einem Anwachsen der Überfahrten geführt. Mehr Programme führen also nicht per se zu mehr Migration. Was hingegen einen Einfluss hatte, sind die Patrouillen der libyschen Küstenwache. Seitdem die verstärkt wurden, haben sich weniger Menschen auf den Weg über das Mittelmeer gemacht. Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge, die von Libyen nach Italien geflohen sind, ist um 75 Prozent gesunken. Man muss aber auch sagen: Viele Migranten, die in Libyen gestrandet sind, haben nicht das Geld, um in ihre Heimat zurückzukehren. Denen bleibt oft keine andere Wahl. Die versuchen es trotzdem mit der Überfahrt.

ZEIT ONLINE: Über 1.000 Flüchtlinge sind dieses Jahr bisher bei dem Versuch ertrunken. Ist den Menschen das Risiko der Flucht bewusst?

Kim: Den meisten ja. Die haben alle das CNN-Video über Sklavenmärkte in Libyen gesehen, viele haben Angehörige bei der Überfahrt verloren. Aber sie reden sich dennoch ein, dass sie selbst es schaffen werden. Dass sie stärker sind als die anderen. Dass sie beschützt werden. Sie stehen einfach unter enormen Druck. Finanziell, aber auch sozial: Sie sind die Ausgewählten; diejenigen, die nach Europa gehen sollen, um die Familien in der Heimat zu retten. Und dann sehen sie, dass es immer wieder Menschen schaffen, und probieren es auch. Über 59.000 Migranten sind dieses Jahr in Europa angekommen, 1.413 sind gestorben oder gelten als vermisst. Das ist einer von 41, die es versucht haben. Die Chance ist also da.

ZEIT ONLINE: Einige Migranten, heißt es, hätten falsche Vorstellungen von den Gefahren der Überfahrt, sie hielten das Mittelmeer für leicht überquerbar.

Kim: Es gibt Menschen, die haben nie das Meer gesehen. Die denken, das Mittelmeer sei ein Fluss. Die gehen auch davon aus, dass sie mit einem Fischboot rüberfahren würden, weil sie ein Schlauchboot – in das sie dann tatsächlich steigen – gar nicht kennen. Das gibt es, aber es ist die Ausnahme. Die meisten wissen um das Risiko. Die meisten Flüchtlinge kommen aus der Subsahara-Region. Sie müssen erst die Wüste durchqueren, bevor sie überhaupt an die Küste kommen. Allein bei der Durchquerung der Wüste sterben genauso viele Menschen wie bei der Überfahrt. Wenn nicht mehr; die genauen Zahlen kennen wir nicht.

ZEIT ONLINE: Warum wird das Risiko dennoch falsch eingeschätzt?

Kim: Das liegt natürlich auch an den Schmugglernetzwerken. Die Menschen brechen auf, dann treffen sie unterwegs auf Schmuggler, mitunter Landsleute, und die bringen sie wiederum mit anderen Menschen in Kontakt, die vorgeben, ihnen zu helfen. Am Ende glauben sie ihnen. Man muss auch dazu sagen, die Region ist sozial sehr heterogen. Es gibt Menschen, die können lesen und schreiben, andere sind Analphabeten, waren nie in einer Schule. Sie sind mitunter leichtgläubig.

ZEIT ONLINE: Was kostet eine Flucht?

Kim: Das variiert extrem, je nach Herkunftsland des Migranten, Route und Qualität des Bootes. Im Schnitt müssen Flüchtlinge zwischen 1.000 und 6.000 Euro zahlen. Das Problem ist: Schleuser arbeiten oftmals mit Menschenhändlern zusammen. Wenn ein Flüchtling nicht zahlen kann, wird er an die weiterverwiesen. Dann ist die Gefahr groß, dass er in Abhängigkeit gerät, sich selbst verkauft; auch wenn er schon in Europa ist. Ein Beispiel: 50 Prozent der Nigerianerinnen, die in Italien ankommen, werden ausgebeutet. Viele dachten, sie würden hier als Friseurinnen arbeiten,  tatsächlich landen sie in der Prostitution.