Seit 1949 bildet die CSU mit der CDU eine gemeinsame Bundestagsfraktion. Die Union basiert auf einem Deal: Bei Bundestagswahlen tritt die CSU nur in Bayern und nicht im übrigen Deutschland an. Bei Landtagswahlen in Bayern verzichtet wiederum die CDU, um der Schwesterpartei aus München keine Wählerstimmen zu nehmen. Doch der aktuelle Streit in der Union könnte dazu führen, dass CDU und CSU sich erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert trennen.

Wie würde eine Aufspaltung ablaufen?

Die derzeit 46 CSU-Abgeordneten im Bundestag könnten ihren Austritt aus der Fraktionsgemeinschaft erklären und anschließend eine neue CSU-Fraktion gründen. Die CDU bliebe in diesem Fall mit 200 Abgeordneten die größte Fraktion im derzeitigen Bundestag, die CSU wäre die kleinste der dann sieben Fraktionen.

Theoretisch lässt sich auch die Variante durchspielen, in der andere Parteien das Ende der Unionsfraktionsgemeinschaft erzwingen. Dafür müsste die Geschäftsordnung des Parlaments geändert werden, was nur per Mehrheitsbeschluss möglich ist. Dort heißt es, Abgeordnete bilden in zwei Fällen eine Fraktion: wenn sie zu einer Partei gehören oder wenn sie zu verschiedenen Parteien gehören, die wegen "gleichgerichteter politischer Ziele in keinem Land miteinander im Wettbewerb stehen". Diese zweite Option, auch Lex CDU/CSU genannt, setzten die Unionsparteien 1969 gemeinsam durch.

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Welche Folgen hätte die Abspaltung für die CSU?

Die CSU würde erst einmal an Einfluss verlieren: Die Kanzlerin würde die drei CSU-Bundesminister entlassen und die Posten neu besetzen müssen. Zudem würde die große Koalition ihre Mehrheit im Bundestag verlieren. Zusammen mit der SPD käme die CDU nur noch auf 353 von 709 Abgeordnetensitzen. Das wären mindestens zwei Stimmen zu wenig für die absolute Mehrheit. Die Bundeskanzlerin müsste, wenn sie keine Neuwahlen will, mit einer Minderheitsregierung weitermachen oder einen neuen Koalitionspartner finden.

Die CSU könnte, falls es zu Neuwahlen kommt, bei den nächsten Bundestagswahlen deutschlandweit antreten. Das Meinungsforschungsinstitut Insa schätzt das Stimmenpotenzial der CSU bundesweit auf 16 Prozent. Allerdings ist fraglich, ob die CSU tatsächlich vom harten Kurs im Asylstreit profitieren würde oder ob Wählerinnen und Wähler nicht eher das Original AfD wählen würden. Vergangene Woche sorgte der niedersächsische Landtagsvizepräsident Frank Oesterhelweg (CDU) für Aufsehen. Er kündigte an, zur Schwesterpartei zu wechseln, wenn im Zuge des zugespitzten Asylstreits in der Union ein CSU-Landesverband in Niedersachsen gegründet werde.

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Könnte die CDU noch bei der Landtagswahl in Bayern antreten?

Am 14. Oktober wählt Bayern einen neuen Landtag. Theoretisch könnte die CDU bei der Wahl antreten, die Frist zur Teilnahme – auch Wahlvorschlag genannt –  endet am 2. August um 18 Uhr. Davor müsste die CDU nur einen eigenen bayerischen Landesverband gründen und Wahlversammlungen in jedem der sieben Wahlkreise einberufen, um ihre Kandidaten aufzustellen. "Das geht schnell", antwortete der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident Armin Laschet vergangene Woche auf die Frage, wie lange es dauern würde, wenn die CDU einen eigenen Landesverband in Bayern gründen wollte. Außerdem müsste die CDU pro Wahlkreis bis zu 2.000 Unterschriften von Unterstützern pro Wahlkreis sammeln, bayernweit etwa 8.300.

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Wie hoch wären die Chancen der CDU in Bayern?

Träte die CDU bei Bundestagswahlen auch in Bayern an, könnte das die CSU viele Stimmen kosten. 54 Prozent der Wähler, die bei der letzten Wahl noch CSU gewählt hatten, würden dann zur CDU wechseln, so eine Forsa-Umfrage von vergangener Woche. Insgesamt käme die CDU in Bayern demnach auf 33 Prozent. Genaue Prognosen in Bezug auf die Landtagswahl sind schwierig, weil die CDU noch nie in Bayern angetreten ist.

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Gab es schon einmal eine solche Krise von CDU und CSU?

Ja, am 19. November 1976. Damals beschloss die in Wildbad Kreuth tagende CSU-Landesgruppe im Bundestag, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzukündigen. Zu der Zeit regierte der SPD-Kanzler Helmut Schmidt mit der FDP in einer Koalition. Da die Union die dritte Wahlniederlage in Folge verkraften musste, beschloss die CSU unter Franz Josef Strauß, das Bündnis mit der CDU zu beenden. Der damalige Landesgruppenchef der CSU, Friedrich Zimmermann, teilte nach einer zwölfstündigen Sitzung mit, die CSU-Abgeordneten hätten beschlossen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zu verlassen. 30 Parlamentarier hatten für die Trennung gestimmt, es gab 18 Gegenstimmen und eine Enthaltung.

Auch damals war die Aufregung groß. "Ist er wie eine alte Wildsau durchs Parteiengelände geprescht, ohne Rücksicht auf den Flurschaden? Ist er ein Brandstifter aus Geltungsdrang? Hat er lange und sorgfältig nachgedacht, oder wollte er nur noch einmal im Zentrum eines von ihm entfachten Wirbelsturms von sich reden machen?", rätselte damals Rudolf Augstein im Spiegel über Strauß. Am Ende lenkte der CSU-Chef ein. Der damalige Kreuther Trennungsbeschluss wurde nie vollzogen.

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