Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der 29 Nato-Staaten am Mittwoch und Donnerstag zu ihrem jährlichen Gipfel in Brüssel treffen, befürchten manche Europäer, dass sie dort erneut einen pampigen US-Präsidenten erleben werden, ähnlich wie schon vor ein paar Wochen bei der G7-Konferenz in Kanada. Denn für Donald Trump sind die Europäer Trittbrettfahrer, die nicht genug für die eigene Verteidigung tun. Ansonsten ist dem US-Präsidenten das nordatlantische Bündnis ohnehin herzlich egal.

In Kanada war Trump auf Krawall aus. Er kam spät, ging früh und noch im Flugzeug zog er seine Unterschrift unter das Abschlusskommuniqué zurück. Da war er bereits auf dem Weg nach Singapur, zu seiner Begegnung mit dem "talentierten" nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un, um ihn zur Aufgabe seiner Atomwaffen zu bewegen.

So könnte es auch diesmal sein: Pflichttermin mit den Alliierten bei der Nato und dann, am kommenden Montag in Helsinki, das heiß ersehnte Treffen mit Russlands starkem Mann Wladimir Putin, auf das er sich nach eigener Aussage sein "ganzes Leben lang" vorbereitet hat.

Nach Brüssel reist er, um sich die europäischen Verbündeten vorzunehmen. Schon letztes Jahr hatte er sie beschimpft, weil die große Mehrheit weit davon entfernt war, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben, so wie sie es 2014 beim Gipfel in Wales beschlossen hatten.

Trumps Brief an Merkel gibt den Ton vor

Seitdem wächst zwar in allen Nato-Staaten der Rüstungsetat, acht Länder werden in diesem Jahr die zwei Prozent erreichen. Andere aber sind davon weit entfernt, Deutschland zum Beispiel, das es nur auf 1,2 Prozent bringt. Und so hat Trump schon vor dem Gipfel in Brüssel einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben, der einen Vorgeschmack gibt auf den Ton, den er in Brüssel anschlagen dürfte.

"Der anhaltende Mangel an deutschen Militärausgaben unterminiert die Sicherheit des Bündnisses", beklagt sich der US-Präsident bei der Kanzlerin. Dies gebe "anderen Alliierten einen Vorwand, die ebenfalls nicht planen, ihre Ausgabenversprechen zu erfüllen".

Wie könnte der US-Präsident den Druck auf Kanzlerin Angela Merkel erhöhen? Etwa, indem er mit einem amerikanischen Truppenabzug aus Deutschland droht? Die Washington Post berichtete über einen entsprechenden Prüfungsauftrag aus dem Weißen Haus an das Pentagon: 35.000 GIs in Deutschland – brauchen wir die wirklich? Wollen wir nicht einen Teil von ihnen nach Polen verlegen? Immerhin will die Regierung in Warschau den US-Amerikanern zwei Milliarden Dollar zahlen, wenn die einen permanenten US-Stützpunkt in Polen errichten.

Ende Juni war Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Washington gereist, um dort, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, "eine Art vorausschauende Schadensbegrenzung zu betreiben". Wenn die Bundesregierung, wie es beschlossen sei, im Jahr 2024 bei den Verteidigungsausgaben 1,5 Prozent des BIP erreiche, dann sei das im Vergleich zu 2014 eine Steigerung von 80 Prozent, rechnete sie Trumps Sicherheitsberater John Bolton vor. Der zeigte sich unbeeindruckt.

Mehr Anerkennung spendete US-Verteidigungsminister James Mattis, der die von ihm geschätzte Kollegin im Pentagon ausgesprochen herzlich begrüßte. Die "demokratische" und "moralische" Stimme der Bundesregierung habe in der Welt großes Gewicht. Bei den Verteidigungsausgaben müsse Deutschland zwar mehr tun, aber es sei anzuerkennen, wie es sich im Bündnis engagiere: als zweitgrößter Truppensteller in Afghanistan zum Beispiel oder als führende Nato-Schutzmacht in Litauen. Deutschland, resümierte Mattis, sei "auf dem richtigen Weg".