Während der gemeinsamen Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Berlin gab es einen Zwischenfall. Der türkische Journalist Adil Yiğit wurde von Sicherheitskräften aus dem Saal geführt, weil er ein Erdoğan-kritisches Protest-Shirt trug. Yiğit ist 60 Jahre alt, er ist Herausgeber der regierungskritischen Zeitung "Avrupa Postası" und lebt in Hamburg.

ZEIT ONLINE: Herr Yiğit, Securitymitarbeiter haben Sie aus der Pressekonferenz von Kanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geführt. Sie mussten die Konferenz verlassen, da Sie ein T-Shirt trugen mit der Aufschrift "Gazetecilere Özgürlük – Pressefreiheit für Journalisten in der Türkei". Warum haben Sie das T-Shirt getragen?

Adil Yiğit: Ich bin nicht zum ersten Mal in Deutschland bei einer Pressekonferenz mit türkischen Spitzenpolitikern, ich war schon zweimal bei Ahmet Davutoğlu, als er noch Ministerpräsident war, und zweimal bei Erdoğan. Nie durfte ich eine Frage stellen. Dieses Mal wollte ich wenigstens auf diesem Weg etwas mitteilen.

ZEIT ONLINE: Wie genau haben Sie sich dann in der Konferenz verhalten?

Yiğit: Ich saß zu Beginn auf meinem Platz und habe zugehört. Dann durfte die erste türkische Journalistin eine Frage stellen. Als dann wieder die türkische Seite an der Reihe war, habe ich mich gemeldet, wurde aber, wie ich erwartet hatte, nicht aufgerufen. Dann bin ich aufgestanden, habe meinen Pulli ausgezogen und angefangen, Fotos zu machen. Es dauerte einen kleinen Moment, dann kamen die Securitys und haben mich an den Armen gefasst und aus dem Saal geschoben.

ZEIT ONLINE: Haben die Sicherheitsmitarbeiter Sie vorher aufgefordert, den Saal zu verlassen oder das T-Shirt auszuziehen?

Yiğit: Nein. Sie schoben mich sofort raus. Ich fragte: "Was ist los? Warum hindern Sie mich an meiner Arbeit?" Ich habe mich ja korrekt verhalten. Dann antwortete einer, mein T-Shirt sei politisch motiviert, das dürfe ich hier nicht tragen. Als ich draußen war, sagten zwei Mitarbeiter, die für die Akkreditierung der Journalisten zuständig waren, ich könne wieder hinein, wenn ich das T-Shirt ausziehe und mich ganz nach hinten setze.

Das wollte ich dann tun, doch dann kam ein Mann vom Bundeskriminalamt und sagte, ich dürfe nicht hinein. Die türkischen Securitys könnten aggressiv auf mich reagieren, das BKA sei im Vorfeld bereits gewarnt worden. Die türkische Security habe mich schon die ganze Zeit im Blick. Ich konnte das nicht glauben. Aggressiv? Hier auf deutschem Boden? Ich bin jedenfalls ganz schön schockiert von diesem Rausschmiss.

ZEIT ONLINE: Wie haben die anderen Journalistinnen und Journalisten reagiert?

Yiğit: Enttäuschend. Kein einziger Kollege hat sich solidarisiert. Ich hätte gewünscht, dass jemand seine Kamera weglegt und fragt: "Moment mal, was passiert hier?" Aber das ist nicht geschehen.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?

Yiğit: Eigentlich ja. Ich lebe hier seit 35 Jahren und hatte nie große Probleme mit deutschen Behörden. Allerdings wurde im vergangenen Herbst mein Aufenthaltstitel überraschenderweise nicht verlängert. Ich weiß zurzeit nicht, ob ich in Deutschland bleiben darf. Meine Genehmigung gilt vorerst bis Ende November.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie, dass dieser Zwischenfall das Verfahren negativ beeinflussen könnte?

Yiğit: Das weiß ich nicht. Ich bin noch völlig überrascht von der harten Reaktion. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich vermutete, dass die Sicherheitsleute mich vielleicht auffordern würden, ich soll das T-Shirt ausziehen – wenn überhaupt.