Angela Merkel hat nach der verlorenen Landtagswahl in Hessen angekündigt, ihren Parteivorsitz zur Verfügung zu stellen. Bei einer Pressekonferenz gab sie bekannt, auf dem CDU-Parteitag im Dezember nicht mehr als Vorsitzende zu kandidieren.

Was bedeutet das für ihre Kanzlerschaft?

Parteivorsitz und Kanzlerschaft gehören für die CDU zusammen, das hatte Angela Merkel selbst immer wieder betont. Dennoch hat sie nun angekündigt, bis zur Bundestagswahl 2021 Kanzlerin bleiben zu wollen. Aber: Ihr möglicher Nachfolger, der sich Anfang Dezember auf dem Parteitag in Hamburg wählen lassen könnte, dürfte gleichzeitig mittelfristig der nächste Kanzlerkandidat werden. Je nachdem, wer ihr Nachfolger würde, bliebe unter Umständen eine gewisse Übergangszeit für Merkel und die Koalition.

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Wer sind die Nachfolgekandidaten als Parteivorsitzende?

Da wäre allen voran Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie soll bereits ihre Bereitschaft erklärt haben. Für sie spricht: Die CDU-Generalsekretärin hatte sich am Abend nach der Hessenwahl in einem verschwurbelten TV-Statement um die Antwort herum laviert, ob sie es für eine gute Idee halte, dass Merkel noch mal antrete. Ja, sagte sie nicht. War sie es am Ende, die Merkel stürzte?

AKK hat als Regierungschefin im Saarland ein 40-Prozent-Ausnahmeergebnis eingefahren und gilt als Merkels Favoritin für ihre Nachfolge. Auf dem Parteitag hielt sie Anfang des Jahres eine fulminante Rede und bekam ein Spitzenergebnis bei ihrer Wahl zur Generalsekretärin.

Das spricht gegen sie: Als Generalsekretärin ist sie erst seit wenigen Monaten im Amt und hatte noch nicht wirklich viel Zeit, sich zu profilieren und ein Netzwerk aufzubauen. Aus dem Saarland bringt sie keine Hausmacht mit. Und: Sie gilt immer noch vielen in der Partei als vorbelastet wegen ihrer großen Nähe zur Kanzlerin.

Jens Spahn würde wohl gern wollen. Aber auch für den Gesundheitsminister kommt die Vakanz an der Spitze eigentlich zu früh. Er ist jung (38 Jahre) und müsste sich erst ein paar Jahre am Kabinettstisch profilieren. Auch wenn viele Konservative in der Partei große Hoffnungen in ihn setzen, ist fraglich, ob er als Antipode zu Merkel vermittelbar und mehrheitsfähig in der Partei wäre. Chancen auf Parteivorsitz und Kanzlerschaft: eher mäßig.

Armin Laschet hat bereits Erfahrung. Er ist CDU-Vize und hat letztes Jahr die SPD-geführte Landesregierung in NRW abgelöst. Er führt einen mächtigen Landesverband. Das gibt Selbstvertrauen. Sein stärkstes Argument: Er wäre ein idealer Kandidat für eine mögliche neue Jamaika-Koalition. FDP-Chef Christian Lindner, mit dem Laschet schon in NRW gemeinsam regiert hat, hatte jüngst in einem Interview erklärt, Laschet habe Kanzlerformat.

Die Bild meldet, der ehemalige Fraktionschef der Union, Friedrich Merz, sei bereit, gegen Merkel anzutreten. Merz gilt als konservativer Widersacher Merkels – und ist in der Partei immer noch angesehen. Allerdings: Ähnlich wie bei Spahn wäre eine Wahl für Merz ein finaler Bruch mit der Ära Merkel, eine Rückabwicklung der Kanzlerschaft. Schwer vorstellbar, dass sich die CDU darauf einließe. Zudem war Merz seit zehn Jahren vor allem in der Wirtschaft tätig. In der Tagespolitik steckt er nicht drin.

Bliebe noch eine Variante, die der CDU die Freiheit geben könnte, aus dem Merkel-Dogma von Kanzlerschaft und Parteivorsitz auszubrechen: Wolfgang Schäuble. Der könnte als Interimsparteichef antreten – und gleichzeitig glaubwürdig auf die Kanzlerschaft verzichten. Das gäbe Merkel die Chance, an der Spitze der Bundesregierung ihre Geschäfte zu ordnen und überstürzte Neuwahlen zu verhindern.

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Wie reagiert die SPD?

Merkels Verzicht auf den Parteivorsitz könnte die Sozialdemokraten in Zugzwang bringen. Denn sie haben in Hessen noch viel schlechter abgeschnitten als die CDU, sind sogar auf Platz drei hinter den Grünen gelandet. Trotzdem hatte die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles am Montagmorgen einschneidende Konsequenzen für ihre Partei ausgeschlossen: Ein Personalwechsel an der Spitze der Partei stehe "nicht in Rede in der SPD", sagte sie. Nahles kündigte außerdem an, in der großen Koalition weitermachen zu wollen, auch die engere Parteiführung war am Montagmorgen noch dieser Meinung.

Das kann sich nun durch Merkels Entscheidung ändern: Denn die in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise steckende SPD kann es sich eigentlich nicht leisten, weniger Konsequenzen aus Hessen zu ziehen als die CDU. Möglich ist, dass Andrea Nahles ihren Job als Parteivorsitzende verliert – allerdings hat die SPD in den vergangenen Jahren mit Sigmar Gabriel, Martin Schulz und Andrea Nahles drei Vorsitzende verschlissen, ohne dass sich an ihrer Gesamtsituation etwas geändert hat. Ein Nachfolger für Nahles wäre auch nicht so schnell gefunden. Gerüchten zufolge gelten der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil und die Mecklenburg-Vorpommerische Regierungschefin Manuela Schwesig als geeignet. Vizekanzler Olaf Scholz hatte zuletzt eher die Kameras gemieden und versucht, nicht mit der desaströsen Lage seiner Partei in Verbindung gebracht zu werden. Die Gegner der großen Koalition in der SPD könnten durch Merkels Entscheidung ebenfalls neuen Aufwind bekommen.

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Überlebt die Koalition das?

Auch wenn Merkel Kanzlerin bleiben will: Die SPD wird sich genau anschauen, wer Merkels Nachfolger als CDU-Vorsitzende oder CDU-Vorsitzender wird, denn diese Person hat einige Gestaltungsmacht: Ein konservativer Kandidat wie Friedrich Merz oder Jens Spahn könnte für die SPD-Führung ein Grund sein, das ungeliebte Bündnis zu verlassen. Sollten Annegret Kramp-Karrenbauer oder Armin Laschet übernehmen – und in Bayern Störenfried Horst Seehofer zum Rücktritt als CSU-Chef und Minister gedrängt werden – könnte das für Nahles und Co ein Grund sein, auf einen Neuanfang in der Regierung mit der Union zu hoffen. Tatsächlich könnte sich dann der Ton der politischen Auseinandersetzung ändern. Allerdings müsste sich die SPD auch in einem solchen Fall fragen lassen, warum sie eigentlich nach der Bayern-Wahl an ihrer Personalaufstellung nichts geändert hat.

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Wie reagieren die anderen Parteien?

Für FDP-Chef Christian Lindner ist die Veränderung noch nicht genug. Er twitterte: "Für unser Land aber wäre es gut, wir hätten eine neue Regierungsspitze. Merkel gibt das falsche Amt ab." Lindner hat mehrfach klar gemacht, dass er eine neue Kanzlerin oder einen neuen Kanzler will. "Jeder würde es besser machen als Angela Merkel", sagte er beispielsweise im September im Interview mit ZEIT ONLINE.

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