Sollen Kinderlose mehr zahlen? – Seite 1

Ja, der CDU-Politiker Jens Spahn hat recht: Kinderlose sollten mehr in die Pflege- und die Rentenversicherung einzahlen als Eltern.

Es geht dabei nicht um eine Bestrafung Kinderloser, wie das etwa die SPD behauptet. Was für ein grotesker Denkansatz! Strafe ist schlicht die falsche Kategorie für eine Sozialversicherungsdebatte. Strafe als Argument zu bemühen führt lediglich dazu, Neid zu schüren.

Es geht im Übrigen auch nicht darum, ob jemand gewollt oder ungewollt kinderlos ist. Das hat den Staat einfach nicht zu interessieren – Kinderkriegen ist privat. Kinderhaben hingegen ist für unser Sozialsystem relevant. Der Staat ist qua Grundgesetz verpflichtet, für soziale Gerechtigkeit und Sicherheit zu sorgen. Daher ist es notwendig, über die Lastenverteilung zwischen Kinderlosen und Eltern auch in der Rentenversicherung zu reden.  

Dass Jens Spahn diese Debatte befeuert, um sich im Kampf um den CDU-Vorsitz zu profilieren, ist gut. Er verknüpft ein Thema, das alle angeht, mit der wichtigen Personalentscheidung, wer Angela Merkel nachfolgt.

Für kinderlose Rentner zahlen die Kinder anderer

Die Fakten sind eindeutig: Ohne die Eltern von heute gibt es keine Beitragszahler von morgen. Die ohne Nachwuchs profitieren unmittelbar, denn die Rente ist ein Umlagesystem: Die Beiträge der Berufstätigen werden nicht wie in einer Versicherung angespart, sondern fließen direkt an die jeweiligen Rentnerinnen. Das heißt: Für kinderlose Rentner zahlen die Kinder anderer. 

Kinder zu haben wird bislang nicht ausreichend honoriert. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes liegen die durchschnittlichen Ausgaben von Eltern mit einem Kind bis zu dessen 18. Geburtstag bei mehr als 120.000 Euro. Die Anrechnung von Kindererziehungszeiten in der Rente ist da kein adäquater Ausgleich. 

Das Bundesverfassungsgericht hat schon im Jahr 2001, damals im Hinblick auf die Pflegeversicherung, einen systemspezifischen Vorteil für Kinderlose festgestellt. Es wies auch darauf hin, dass für das System nicht nur das Zahlen von Beiträgen, sondern auch die Kindererziehung konstitutiv sei. "Wird die zweite Komponente nicht mehr regelmäßig von allen geleistet, werden Eltern spezifisch in diesem System belastet, was deshalb auch innerhalb des Systems ausgeglichen werden muss", folgerte das Gericht. In der Pflegeversicherung wird die Forderung des Gerichts längst umgesetzt. Kinderlose zahlen 0,25 Prozentpunkte mehr in die Pflegeversicherung ein als Eltern.

Es wäre gerecht, das auch bei der Rente so zu machen. Denn der Generationenvertrag hat zwei Seiten: Die Jungen zahlen für die Alten, und die Jungen bekommen die Kinder, die sie selbst im Alter absichern. Sie nutzen dem Rentensystem also doppelt.

Ein Grundprinzip der Sozialversicherung ist, dass starke Schultern mehr tragen als schwache. Auf dem Arbeitsmarkt sind Eltern, zumal alleinerziehende, tendenziell benachteiligt. Sie sind die mit den schwächeren Schultern. Wer sich nachts um schreiende Babys kümmert, phasenweise aus dem Job aussteigt und wenig Zeit für Fortbildungen hat, gefährdet sein berufliches Fortkommen und ein damit verbundenes höheres Einkommen inklusive einer privaten Vorsorge für das Alter.

Ein Einwand der Gegner des Spahn-Vorstoßes ist durchaus richtig: Es gäbe elegantere Lösungen, Eltern besserzustellen, etwa die Abschaffung des Ehegattensplittings. Aber das wird seit Jahrzehnten gefordert, ohne dass irgendetwas passiert wäre. Außerdem könnte man das eine tun, ohne das andere zu lassen. Denn was Familien nutzt, nutzt der ganzen Gesellschaft.

Monika Pilath

Kontra: Bitte nicht auf Kosten der Kinderlosen!

Nehmen wir zwei Paare Ende 20, vielleicht Akademiker oder Akademikerinnen, gleiche Qualifikation, ähnliche Fähigkeiten. Die einen arbeiten sehr viel im Beruf und steigen auf, die anderen bekommen in vier Jahren zwei Kinder, hangeln sich fortan von Befristung über Eltern- zu Teilzeit und zurück zur nächsten Befristung. Im Alter gibt es für die Kinderlosen dann zusätzlich zum fetten Mehr bei der Rente noch Chefarztbehandlung und eine pompöse Seniorenresidenz – private Zusatzversicherungen machen es möglich.

Ihre Grundsicherung aber trägt die Solidargemeinschaft, beziehungsweise tragen die Kinder derer, die nach einem brüchigen Berufsleben in urinmüffelnden Altersheimen versauern.

Wer das nun ungerecht findet, ist dem Populismus längst in die Falle gegangen und lässt zu, dass Lebensentwürfe gegeneinander ausgespielt werden, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen sollten. Denn die Freiheit des Einzelnen ist auch die Freiheit, keine Kinder zu bekommen. Und denen, deren Kinderlosigkeit kein Wunsch, sondern Schicksal ist, auch noch höhere Sozialleistungen reinzuwürgen, ist einigermaßen hässlich.

Es stimmt: Wer Kinder bekommt, leistet einen Beitrag dafür, dass die Sozialsysteme funktionieren – und verdient jede Unterstützung. Darum gehört die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestärkt, muss sogenannte Care-Arbeit gefördert werden. Später sollte die Lebensleistung statt der Berufsjahre für die Rente zählen. Und wer weiß, gäbe es mehr strukturelle Unterstützung speziell für Alleinerziehende, vielleicht würden sich dann in der individualisierten Gesellschaft mehr Leute entscheiden, auch ohne Partnerin oder Partner Kinder großzuziehen. Wenn es wirklich um mehr zukünftige Beitragszahler ginge und nicht darum, ein konservatives Familienbild hochzuhalten, wäre das doch was.

Zu glauben, dass es gerade den Schlechterverdienenden unter den Eltern entscheidend hilft, wenn auch Kinderlose – und nicht nur die Wohlhabenden – bei der Lohnabrechnung pauschal benachteiligt werden, ist vollends unangemessen, solange es noch andere Instrumente gibt, den Generationenvertrag aufrechtzuhalten.

Wir leben in einem Land, das es sich aus Angst vor fremdenfeindlichen Tendenzen in der rechten Mitte der Gesellschaft leistet, beruflich integrierte junge Menschen abzuschieben, anstatt schnellstmöglich ein progressives Einwanderungsgesetz nebst Spurwechsel auf den Weg zu bringen. Und wir leben in einem Land, das längst nicht genug tut, auch den Kindern von Einwanderern eine Perspektive in der Mehrheitsgesellschaft mit aller Macht und allen Möglichkeiten zu geben.

Kinder sollten geliebt werden

Die Kinderlosen sollen diese Ignoranz jedenfalls nicht ausbaden müssen. Zumal sich in Jens Spahns Vorschlag auch eine Beleidigung aller Eltern verbirgt, eine technokratische Sicht auf Kinder, die in der Konsequenz zu verkorksten oder – um es feiner auszudrücken – dysfunktionalen Familien führt. Kinder sollten geliebt werden, sie sollten ihren Eltern und der ganzen Welt Hoffnung sein, Licht im Dunkel. Oder auch einfach nur ganz selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Wer sich von ihnen sonstige Vorteile erhofft, lässt es eindeutig an Reife für das Kinderkriegen und vor allem -haben mangeln.

Inwieweit Kinder, die noch nicht auf der Welt sind, den Babyboomer-Engpass der Sozialsysteme irgendwie retten können, steht ohnehin auf einem anderen Blatt – ebenso wie die Frage, ob erhöhte Abgaben für Kinderlose überhaupt ein entscheidendes Instrument sein können.

Zuletzt wäre da noch das Argument, das die Stadtforscherin Anna Becker bei Twitter einbrachte: "Da Kinderlosigkeit einer der größten Beiträge ist, die man für Umwelt- und Klimaschutz auf individueller Ebene leisten kann, hätte ich eher eine Belohnung anstelle von Sanktionen verdient." Dies ist genau die zynische Pointe, die diese von Grund auf zynische Diskussion verdient.

Johannes Schneider