Dass Journalisten Besserwisser sind, gehört zum Jobprofil. Natürlich liegen sie mit ihren Vorhersagen ständig falsch, nur reden sie darüber meist nicht so gern. Zum Jahreswechsel machen wir eine Ausnahme: Hier beschreiben Redakteurinnen und Redakteure von ZEIT ONLINE, was sie im Jahr 2018 überrascht hat oder wo sie voll daneben lagen in ihrer Einschätzung.

Ich hätte nicht gedacht...

...dass Angela Merkel der Abgang so gut gelingt

Macht ergreifen, Macht bewahren, das scheinen einige zu können, aber Macht abgeben, das kriegt kaum einer hin. Adenauer nicht. Kohl nicht, Schröder schon gar nicht. Es sah so aus, als könne auch Merkel es nicht. Und dann hat sie es doch geschafft. (Judith Luig, Redakteurin Politik, Wirtschaft, Gesellschaft)

...dass der Defensivfußball so schnell wieder verschwindet

Die Bundesligasaison 2017/18, die öde WM – überall Abwehrriegel, wenig Tore, und wenn, dann nach Standardsituationen. Die Propheten und Auskenner sprachen schon vom Ende des goldenen Fußballzeitalters, dem Aufkommen einer Ära von Mannschaften, die den Ball gar nicht haben, sondern nur gut "gegen ihn" spielen wollen. Doch Überraschung: Am Jahresende ist der Defensivfußball – zumindest in Deutschland – wieder in der Defensive. Es werden Abwehrriegel mit genialen Pässen filetiert, die Spielzerstörer rennen verdientermaßen hinterher und am Ende stehen schon nach 16 Spieltagen mehr Tore als im Vorjahr nach 17. Und Schalke-Trainer Domenico Tedesco ist die Enttäuschung der Nation. Das ist nicht nur für Fans von Borussia Dortmund eine gute Nachricht. (Johannes Schneider, Redakteur ZEITMagazin ONLINE)

...dass Chris Dercon so schnell geht

Er war höchst umstritten, doch im Frühjahr 2018 schien die Intendanz von Chris Dercon an der Berliner Volksbühne "TROTZ ALLEDEM!" (so das Banner am Theater nach der Besetzung im September 2017) und trotz einiger weiterer Pannen gefestigt zu sein.

Doch dann überraschte am Freitag, den 13. April, die Nachricht, dass Dercon mit sofortiger Wirkung seinen Posten aufgibt. Ein paar Tage später veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Report über die immerhin "255 Tage von Chris Dercon". Ihre Bilanz: Die Hauptbühne wurde mehr als die Hälfte der Abende gar nicht bespielt; diese Vorstellungen waren meist nur zu einem Viertel ausverkauft.

Künstlerisch gesehen schaffte es Chris Dercon durch seine Arbeitsweise weder, die Belegschaft des Hauses für sich zu gewinnen, noch Essentielles zu zeigen. Und das, obwohl er mit einer zweijährigen Vorlaufzeit und einem zusätzlichen Budget ausgestattet worden war, was beides die absolute Ausnahme bei einem Intendantenwechsel ist.

Seine Zeit in Berlin ist nun vorbei. Doch der von ihm herbeigeführte Strukturwandel an der Volksbühne ist bis heute zu spüren: Die Auflösung des Ensembles, die Umwandlung von Produktions- in Marketingstellen und den finanziellen Verlust durch nicht eingehaltene Zusagen und Fehlplanungen, die das Stadttheater an den finanziellen Abgrund führten. Die Stars der alten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz reüssieren derweil nicht nur auf den anderen Berliner Bühnen, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum und bekommen weiterhin die angesehensten Theaterpreise verliehen. Chris Dercon darf ab 2019 am Grand Palais in Paris wirken.  (Norbert Bayer, Bildredakteur)

...dass ich immer noch bei Facebook bin

Für die Social-Media-Plattform war 2018 ein Horrorjahr, man kommt kaum noch hinterher bei all den schlechten Nachrichten für die Firma aus dem kalifornischen Menlo Park. Jetzt werden die Leute endgültig genug haben, dachte ich. So wie ich selbst genug habe. Genug von den Skandalen, genug von den Ausreden, genug aber auch ganz banal von der stetig zunehmenden Unübersichtlichkeit, ja Hässlichkeit der Benutzeroberfläche von Facebook. Geht doch gar nicht anders.

Geht doch, stellte ich dann beim Blick auf die immer nächsten Vierteljahreszahlen fest. Die aktuelle Bilanz fürs dritte Quartal 2018: zehn Prozent mehr monatliche Nutzerinnen und Nutzer weltweit im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum, neun Prozent mehr tägliche User, 33 Prozent mehr Umsatz, neun Prozent mehr Gewinn. Jedes Unternehmen auf der Welt hätte gern solche Zahlen, kaum eines hat sie.

Warum kommen die Leute nicht los von Facebook, einem Unternehmen, das deren persönliche Daten behandelt, als gehörten sie ihm und stünden ihm zum freien Missbrauch zur Verfügung? Ganz ehrlich: keine Ahnung.

Ich selbst bin auch nicht losgekommen von Facebook, trotz besten Willens, trotz eines Abschiedstextes. Warum es auch bei mir nicht geklappt hat? Dafür habe ich bloß Ausreden, die noch schlechter sind als die von Facebook. (Dirk Peitz, Digitalredakteur)