Auf sechs Rädern rast der deutsche Transportpanzer über eine Teststrecke in Algerien. Dann quält das Gefährt sich eine steile Rampe hinauf. Offiziere der algerischen Armee schauen dem Fuchs 2 dabei zu. So heißt das Fahrzeug, das auch von der Bundeswehr eingesetzt wird. Der Panzer, der auf dem Werksgelände seine Runden dreht, stammt aus einer Fabrik in dem nordafrikanischen Land, die in den vergangenen Jahren mithilfe deutscher Konzerne und mit Genehmigung der Bundesregierung errichtet wurde. Ein Milliardengeschäft. Und ein umstrittenes noch dazu: In Algerien ist die Menschenrechtslage prekär. Und Menschenrechtler fürchten, das Maghreb-Land könnte die Panzer weiterverkaufen.

Allein 2018 erteilte die Bundesregierung "Einzelausfuhrgenehmigungen" für "Teilesätze im Wert von 521.000.000 Euro" nach Algerien, teilte das Bundeswirtschaftsministerium auf eine Frage der Bundestagsabgeordneten Helin Evrim Sommer mit, Sprecherin für Entwicklungspolitik der Linken. Ein Großteil der Summe dürfte an Rheinmetall gehen, Deutschlands größtes Rüstungsunternehmen. 

Und das Geschäft geht weiter. Im Oktober teilte der Konzern mit Sitz in Düsseldorf mit: "Ein internationaler Kunde hat Rheinmetall mit der Lieferung von Komponenten zur Fertigung von Fahrzeugen des Typs Fuchs 2 beauftragt. Das Auftragsvolumen liegt im dreistelligen MioEUR-Bereich." Die bestellten Komponenten sollen 2019 und 2020 gebaut und geliefert werden. 

Die Materialpakete aus Deutschland werden in Algier dringend benötigt. Nach Informationen von ZEIT ONLINE läuft seit diesem Jahr dort die Produktion des Transportpanzers. 120 Stück sollen bis Ende 2018 aus den Fabrikhallen gerollt sein, das machte eine Präsentation deutlich, die bei dem Besuch des stellvertretenden Verteidigungsministers in der Produktionsanlage im vergangenen Jahr vorgeführt wurde und im algerischen Fernsehen zu sehen war. Demnach hat der Betrieb nun die geplante jährliche Auslastung erreicht: Auch 2019 sollen 120 Fuchs 2 fertiggestellt werden.

Für die Produktion der deutschen Panzer wurde das Unternehmen Rheinmetall Algerie SPA gegründet. Die Teile, die in Algerien montiert werden, stammen aus Kassel. Dort hat Rheinmetall MAN Military Vehicles auch 200 Arbeiter für die Fabrik in Nordafrika ausgebildet. Der Standort in Kassel profitiert besonders von der Panzermontage in der Ferne.

Schließlich ist Algerien dank seiner Bodenschätze ein guter Kunde. Das Land gehört seit einigen Jahren zu den wichtigsten Abnehmern der deutschen Rüstungsindustrie. So lag Algerien 2012 an dritter Stelle der Importeure deutscher Kriegstechnik (287 Millionen Euro), 2013  waren es schon 826 Millionen Euro. 2016 und 2017 war das Land mit jeweils gut 1,4 Milliarden Euro sogar der wichtigste Abnehmer.

Rüstungsgegner kritisieren Deal mit Algerien

Als das größte Geschäft für die deutsche Rüstungsindustrie dürfte sich langfristig die Montage der Transportpanzer erweisen. Innerhalb von zehn Jahren will Algerien 1.200 Fuchs bauen. Der Deal wurde über Jahre angebahnt. Bereits im November 2011 erlaubte die Bundesregierung die Ausfuhr von Fertigungsunterlagen zum Aufbau der Fabrik. Technische Zeichnungen für verschiedene Varianten des Fuchs durften nach Algerien ausgeführt werden: Gefechtsstand-, Truppentransport- mit und ohne Räumschild sowie Sanitätsfahrzeuge.

Das Profil, eine von Rheinmetall herausgegebene Zeitung, freute sich über einen "langfristig angelegten Großauftrag aus Algerien". Am 5. August 2013 erhielt das Unternehmen eine Beförderungsgenehmigung für "Teilesätze" zur Herstellung der Transportpanzer. Im selben Jahr stellte Rheinmetall in seinem Geschäftsbericht fest, dass Algerien zu den Schwellenländern gehört, die für die Verteidigungssparte "weiter an Bedeutung gewonnen" haben.

Was, wenn der Eigenbedarf an Panzern gedeckt ist?

2014 wurde von der Bundesregierung dann Ausrüstung "für eine Fertigungsstraße zur Montage von Radpanzer Fuchs und zur Fertigung einiger Teile hierfür, inklusive Montage und Training sowie Nach- und Garantielieferungen" in Höhe von fast 28 Millionen Euro genehmigt. Im November 2015 bezeichnete Rheinmetall in einer Präsentation das Fuchs-2-Geschäft in Algerien als "Major project". Per Stellenausschreibungen suchte ein Tochterunternehmen, die Rheinmetall Technical Assistance GmbH, bereits Mitarbeiter für eine Tätigkeit in Constantine, etwa einen "Qualitätsleiter (m/w/d) für den Einsatz in Algerien".

Während das Unternehmen sich über gute Geschäfte im Maghreb freut, kritisieren Rüstungsgegner den Deal mit Algerien. "Die Menschenrechtslage in dem nordafrikanischen Land ist äußerst prekär. Dort gehen Polizei und Militär immer wieder gewalttätig gegen Demonstranten vor, genießen aber zugleich Straffreiheit", schreibt die Organisation Kritische Aktionäre. Die Todesstrafe wurde nach Angaben von Amnesty International zwischen 2013 und 2017 mindestens 195-mal verhängt. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Algerien auf Platz 136. Journalisten können nicht frei berichten. "Menschenrechtsdefizite", hat auch das Auswärtige Amt ausgemacht: "In Algier besteht weiterhin ein generelles Demonstrationsverbot, auch in anderen Städten Algeriens werden Demonstrationen regelmäßig nicht genehmigt." Dennoch versichert die Bundesregierung: "Der Beachtung der Menschenrechte im Empfängerland wird bei Entscheidungen der Bundesregierung über Rüstungsexporte besonderes Gewicht beigemessen."

Kritik gibt es auch generell am Aufbau der Rüstungsfabrik in Algerien. "Nachhaltige Entwicklungsförderung muss Vorrang haben vor der Erschließung von neuen Absatzmärkten für deutsche Rüstungsgüter", sagt Helin Evrim Sommer von der Linken. "Es hat sich in der Vergangenheit immer wieder als besonders schwerwiegender Fehler erwiesen, ganze Waffenfabriken zu exportieren. Dadurch wird der unkontrollierten Verbreitung von deutschen Waffen Tür und Tor geöffnet." So hat Saudi-Arabien in Deutschland entwickelte Sturmgewehre, die in dem Königreich in Lizenz gebaut werden, an Verbündete verteilt, die im Jemen-Krieg auf saudischer Seite kämpfen – ohne Erlaubnis der Bundesregierung.

Die in Algerien gefertigten Panzer sollen in dem nordafrikanischen Land bleiben, versichert die Bundesregierung. Bislang habe sie keine "Genehmigungen für Ausfuhren für die aus Teilesätzen in Algerien montierten Transportpanzer des Typs Fuchs 2 aus Algerien in ein anderes Land erteilt". Die Frage ist nur, wie Algerien sich verhalten wird, wenn der Eigenbedarf der eigenen Streitkräfte in einigen Jahren gedeckt ist. Dass die Fabrik dann einfach stillgelegt wird, bezweifeln Rüstungsgegner.