Deutsche Politiker, Wirtschaftsvertreter und Prominente haben Großbritannien in einem gemeinsamen Schreiben zum Verbleib in der EU aufgerufen. "Die Briten sollten wissen, dass wir keine Entscheidung für unumkehrbar halten", steht in dem Leserbrief, der in der Times erschien. "Unsere Tür wird immer offenbleiben." Unterzeichnet haben ihn unter anderem die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, SPD-Chefin Andrea Nahles und die beiden Vorsitzenden der Grünen, Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Großbritannien habe Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als souveräne Nation und als europäische Macht aufgenommen – "das haben wir, als Deutsche, nicht vergessen und wir sind dankbar", heißt es weiter. "Deswegen sollten die Briten wissen: Wir wollen aus tiefstem Herzen, dass sie bleiben."

Großbritannien sei auch ein Teil dessen, was die Europäer ausmache. Deswegen würde man die Briten vermissen, ihren schwarzen Humor, schwarzen Tee mit Milch und den Linksverkehr. "Aber mehr als alles würden wir das britische Volk vermissen – unsere Freunde auf der anderen Seite des Kanals." 

Initiiert haben den Brief die Grünen-Abgeordnete Franziska Brantner und der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU). Er sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er sei sich bewusst, dass der Aufruf in Großbritannien als Intervention zugunsten eines zweiten Brexit-Referendums verstanden werde. Ausschlaggebend sei aber eine "politische Verpflichtung" gewesen.

Zu den Unterzeichnern gehören neben vielen anderen auch BDI-Präsident Dieter Kempf, der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann, der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, Daimler-Chef Dieter Zetsche, Sänger Campino von den Toten Hosen und der ehemalige Fußballnationaltorhüter Jens Lehmann.

Bundesregierung will britischen Plan B abwarten

Großbritannien wird die EU am 29. März verlassen. Unklar ist jedoch, ob noch ein geregelter Brexit gelingt oder ob es zu einem Austritt ohne Abkommen kommt. Das von der britischen Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen war vom Parlament in London abgelehnt worden. Die britische Premierministerin will den Abgeordneten nun am Montag einen Plan B vorlegen. Der Regierung zufolge soll das Parlament dann am 29. Januar über die neuen Vorschläge der Premierministerin abstimmen. Möglich ist auch, dass Theresa May die EU bittet, die Frist für den Austritt zu verlängern.

Die Bundesregierung teilte mit, sie werde zunächst Mays Plan B abwarten. Auf die Frage, ob Nachverhandlungen über das Austrittsabkommen zwischen der EU und Großbritannien ausgeschlossen seien, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert: "Großbritannien ist jetzt dran, zu sagen, was der nächste Schritt, eine mögliche neue Richtung, ein neuer Vorschlag sein soll." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Theresa May hätten darüber am Donnerstag am Telefon gesprochen.

Heiko Maas lehnt Nachverhandlungen ab

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte die Briten auf, ihre Wünsche in der Brexit-Debatte zu äußern. Die Frage nach einer Verschiebung des Termins lasse sich im Moment schwer beantworten, "weil wir ja nicht einmal wissen, was augenblicklich der Wunsch der britischen Regierung ist", sagte Steinmeier. Es sei völlig unklar, ob die Regierung in London Gespräche wolle oder ob sie noch eine Möglichkeit für einen geordneten Brexit sehe.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) stellte klar, dass er weiter am vorliegenden Brexit-Abkommen der EU mit Großbritannien festhalten wolle. "Es ist kaum vorstellbar, dass das Austrittsabkommen wieder aufgeschnürt wird", zitierte das Auswärtige Amt Maas bei Twitter.