Dann ist der große Kladderadatsch gerade noch mal verhindert worden. Die EU stimmt dem von Berlin und Paris ausgehandelten Kompromissvorschlag über Gaspipelines zu. Gestern noch drohten Deutschland und Frankreich darüber in einem heftigen Familienkrach zu versinken.

Der Auslöser war die Pipeline Nord Stream 2, die von Russland nach Deutschland gebaut wird. Der Entwurf einer neuen EU-Gasrichtlinie zielte darauf, den Betrieb der Leitung im Besitz von Gazprom zu verhindern. Frankreich drohte dieser scharfen Formulierung der EU-Richtlinie zuzustimmen. Nach dem deutsch-französischen Kompromiss am Freitag aber ist der Sache die Spitze genommen. Die erste Zuständigkeit über Pipelines von außen in die EU soll nicht Brüssel, sondern das Land haben, in das die Leitung führt. Im Falle von Nord Stream 2 ist das Deutschland. Ende gut, alles gut?

Ein kostspieliges Abenteuer

Keinesfalls. Das Nord-Stream-2-Abenteuer wird für die Deutschen immer kostspieliger. Und zwar nicht wirtschaftlich, sondern politisch. Wirtschaftlich spricht sogar viel für die Pipeline. Russland ist ein wichtiger Gaslieferant für Deutschland und Europa. Es gibt bereits mehrere Leitungen, von denen die ukrainische Trasse und irgendwann auch die in den 2000er Jahren gebaute Nord-Stream-1-Pipeline modernisiert werden müssen. Eine zusätzliche Leitung ist eine Lieferoption mehr, erhöht aber nicht die Abhängigkeit vom großen Gasgeber Russland. Dafür hat Europa viel zu viel Auswahl, inmitten großer Lieferländer wie Norwegen, Niederlande, Algerien, Aserbaidschan, künftig vielleicht Zypern, Ägypten und Israel. Hinzu kommen die mittlerweile über zwanzig LNG-Terminals, über die Flüssiggas aus Qatar oder den USA nach Europa gebracht werden kann. Wenn Gazprom den vielen Zuleitungen eine weitere auf eigene Kosten hinzufügen will, ist das für Europa keine schlechte Sache. Jede zusätzliche Leitung erhöht die Versorgungssicherheit.

Polen kämpft gegen die Pipeline

Soweit die wirtschaftliche Rechnung, die der russische Gasmann und deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder vielen deutschen Politikern mit Erfolg aufgemacht hat. Doch die politische Dimension hat Berlin übersehen. Ihretwegen kommt es heute zu den deutsch-französischen Reibereien, ihretwegen wächst das Misstrauen in Europa gegen Deutschland, ihretwegen spaltet sich die EU. Gegen Nord Stream 2 führt Polen einen Feldzug, den Berlin lange unterschätzt hat. Warschau argumentiert damit, dass die Pipeline der Ukraine Milliarden von Transitgebühren rauben werde. Tatsächlich will Polen selbst zu einer Energiedrehscheibe werden. Eine Gaspipeline aus Russland hat Polen schon seit Langem (unter Umgehung der Ukraine). Jetzt bauen sie eine "Baltische Pipeline" mit EU-Geld von Norwegen nach Polen (an Deutschland vorbei). Warschau lobbyiert derweil in Washington, endlich US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu verhängen.

Die USA wiederum wollen Nord Stream 2 nicht, um Russland zu schaden und selbst Flüssiggas nach Europa zu liefern. Die Trump-Administration versucht, die Front gegen Nord Stream 2 in der EU zu ermuntern und zu stärken. Mit dabei auch Italien, das selbst gern russisches Gas über Südeuropa importiert hätte. Hinzu kommen Dänemark, die baltischen Länder, die Slowakei. Und Frankreich, siehe den Kurzzeitzoff mit Berlin, wackelt.

Das Nachdenken kommt zu spät

Diese feindliche Konstellation hätten die Deutschen voraussehen müssen. Aus dem Kuckucksei von Gerhard Schröder ist ein Drachen geschlüpft, den die Deutschen nicht mehr loswerden. Viel zu lange haben sie alle Versuche der EU-Kommission torpediert, die Gaspolitik der EU zu vereinheitlichen. Viel zu spät fingen sie an, über Ausgleichsverträge für die Ukraine nachzudenken. Viel zu lange haben sie sich auf die Solidarität Frankreichs verlassen. 

Streit um Nord Stream 2

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"Raus aus der Pipeline", rufen jetzt viele. Das jedoch ist auch kaum noch möglich. 600 Kilometer der Röhre sind schon verlegt. Die Genehmigungen sind erteilt. Stiege die Bundesregierung nach drei Jahren der Unterstützung aus, fielen sehr hohe Vertragsstrafen an. Die Beziehungen zu Russland wären noch tiefer gestört. Und dieses Mal läge die Schuld dafür eindeutig in Berlin. Keine Option ist eine gute. Also werden die Deutschen in der Pipelinefrage wie heute am Freitag weiterwurschteln und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert. Eine Hoffnung ist das, nicht mehr.