Soweit die wirtschaftliche Rechnung, die der russische Gasmann und deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder vielen deutschen Politikern mit Erfolg aufgemacht hat. Doch die politische Dimension hat Berlin übersehen. Ihretwegen kommt es heute zu den deutsch-französischen Reibereien, ihretwegen wächst das Misstrauen in Europa gegen Deutschland, ihretwegen spaltet sich die EU. Gegen Nord Stream 2 führt Polen einen Feldzug, den Berlin lange unterschätzt hat. Warschau argumentiert damit, dass die Pipeline der Ukraine Milliarden von Transitgebühren rauben werde. Tatsächlich will Polen selbst zu einer Energiedrehscheibe werden. Eine Gaspipeline aus Russland hat Polen schon seit Langem (unter Umgehung der Ukraine). Jetzt bauen sie eine "Baltische Pipeline" mit EU-Geld von Norwegen nach Polen (an Deutschland vorbei). Warschau lobbyiert derweil in Washington, endlich US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu verhängen.

Die USA wiederum wollen Nord Stream 2 nicht, um Russland zu schaden und selbst Flüssiggas nach Europa zu liefern. Die Trump-Administration versucht, die Front gegen Nord Stream 2 in der EU zu ermuntern und zu stärken. Mit dabei auch Italien, das selbst gern russisches Gas über Südeuropa importiert hätte. Hinzu kommen Dänemark, die baltischen Länder, die Slowakei. Und Frankreich, siehe den Kurzzeitzoff mit Berlin, wackelt.

Das Nachdenken kommt zu spät

Diese feindliche Konstellation hätten die Deutschen voraussehen müssen. Aus dem Kuckucksei von Gerhard Schröder ist ein Drachen geschlüpft, den die Deutschen nicht mehr loswerden. Viel zu lange haben sie alle Versuche der EU-Kommission torpediert, die Gaspolitik der EU zu vereinheitlichen. Viel zu spät fingen sie an, über Ausgleichsverträge für die Ukraine nachzudenken. Viel zu lange haben sie sich auf die Solidarität Frankreichs verlassen. 

Streit um Nord Stream 2

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"Raus aus der Pipeline", rufen jetzt viele. Das jedoch ist auch kaum noch möglich. 600 Kilometer der Röhre sind schon verlegt. Die Genehmigungen sind erteilt. Stiege die Bundesregierung nach drei Jahren der Unterstützung aus, fielen sehr hohe Vertragsstrafen an. Die Beziehungen zu Russland wären noch tiefer gestört. Und dieses Mal läge die Schuld dafür eindeutig in Berlin. Keine Option ist eine gute. Also werden die Deutschen in der Pipelinefrage wie heute am Freitag weiterwurschteln und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert. Eine Hoffnung ist das, nicht mehr.