Wenn Vanessa Mae Rodel heute über Edward Snowden redet, dann ist ihre Stimme noch immer voller Verehrung. "Für mich ist er ein Held", sagt sie. "Ich habe mir damals solche Sorgen um ihn gemacht."

Es war an einem Sommerabend im Juni 2013, als er vor ihr stand, ein schmächtiger Mann mit Brille. Draußen war es dunkel, es ging auf Mitternacht zu. "Mein Anwalt hatte sich gemeldet und gesagt, da ist ein Mann, ein Weißer, er braucht Hilfe und ein Dach über dem Kopf", sagt Rodel im Gespräch mit der ZEIT, das per Videoschalte aus Hongkong stattfindet. "Ich sagte: Okay, ich habe eine kleine Wohnung, er kann bleiben. Ich kaufte bei McDonald's etwas zu essen für ihn." Muffins, Pommes, das hatte er sich gewünscht.

So lernten sich Edward Snowden und Vanessa Rodel kennen. Sie: eine Frau von den Philippinen mit langen schwarzen Haaren und einem schüchternen Lächeln, die in Hongkong Unterschlupf gefunden hatte, deren Asylantrag die Behörden abgelehnt hatten und die seitdem in ständiger Angst vor der Abschiebung lebte. Er: ein Whistleblower auf der Flucht, den CIA, NSA und FBI jagten und dessen Namen die halbe Welt kannte. Nur sie nicht, die Frau, die ihn verstecken sollte.

Am heutigen Montag nun, rund sechs Jahre danach, beginnt für Vanessa Rodel, 42, und ihre Tochter Keana, 7, ein neues Leben: Nach Jahren der Angst und der Repressalien durch die Behörden, die sie regelmäßig nach Snowden und seinen Unterstützern befragt haben, hat sich Kanada bereit erklärt, Mutter und Kind als Flüchtlinge aufzunehmen. Eine Maschine von Air Canada soll die beiden nach Toronto bringen, von dort geht es weiter nach Montreal, ihre neue Heimat. "In Hongkong war ich nicht mehr sicher", glaubt sie. "Ich bin so glücklich, dass wir nun in Kanada eine geschützte Zukunft finden."

In jener Nacht vor sechs Jahren hatte Vanessa Rodel keine Ahnung, wer da bei ihr im Wohnzimmer stand. Er hatte sich nicht vorgestellt, sie ihn nicht gefragt. Am nächsten Morgen, so erzählt sie es, habe Snowden sie gebeten, eine englischsprachige Zeitung für ihn zu besorgen. Rodel lief zum 7-Eleven-Laden, vorbei an den illegalen Märkten und den Straßenhändlern, die in Kowloon im Norden Hongkongs Kleidung und Essen verkaufen. Der Stadtteil ist arm und heruntergekommen, Chinesen leben hier und viele Flüchtlinge. Einen westlichen Geheimdienstagenten würde hier niemand vermuten, so das Kalkül.

Ein paar Tage zuvor hatte sich Snowden von Hawaii nach Hongkong abgesetzt und in einem Hotel, dem Mira, zwei Journalisten Festplatten übergeben, vollgepackt mit hoch geheimen Dokumenten der NSA. Die Dokumente belegen, wie systematisch und allumfassend die NSA im digitalen Zeitalter spioniert, nicht nur gegen Regierungen und mögliche Terroristen – der Geheimdienst überwacht auch, was Millionen von Menschen im Internet tun.

Die Enthüllungen und ein Interview, das Snowden den Journalisten gab, hatten tagelang die Nachrichten dominiert. Nun lauerte vor dem Mira eine Hundertschaft von Journalisten. Snowden musste verschwinden.

Plötzlich sah sie Snowdens Foto auf der Titelseite

Whistleblower Snowden: Geburtstagsfeier im Versteck © Phillip Faraone/Getty Images

An jenem Morgen, als Vanessa Rodel zum 7-Eleven lief und eine Ausgabe der South China Morning Post kaufte, wurde ihr schlagartig klar, wen sie da zu Hause versteckt hatte. "Ich war schockiert, als ich sein Gesicht auf der Titelseite sah", sagt sie. "Ich ging nach Hause und fragte ihn: Bist du das?"

Ja, antwortete Snowden.

"Ich habe nicht nachgefragt, warum, aber mir war klar: Er ist der meistgesuchte Mann der Welt, jeder suchte nach ihm", sagt Vanessa Rodel. "Überall in Hongkong war sein Bild zu sehen, in jeder Zeitung. Ich dachte, das Beste, was ich tun kann, ist, mich um ihn zu kümmern." Sie wirkt, als habe sie damals nicht lange darüber nachgedacht, wie groß die Gefahr für sie selbst sein würde.

Knapp zwei Wochen versteckte sich Snowden bei Vanessa und ihrer Tochter, in einem beengten Apartment, das aus einem kleinen Schlafzimmer, einem Wohnzimmer mit integrierter Küche und einer engen Toilette bestand. Snowden schlief nicht gut, so erinnert sich Rodel, "er war sehr gestresst und besorgt". Am 21. Juni 2013, Snowdens 30. Geburtstag, feierten sie eine improvisierte Geburtstagsparty, jemand brachte einen Kuchen vorbei, sie sangen ein Lied für ihn.

Ein paar Tage später teilte Snowden ihr mit, er werde heute verschwinden. "Er umarmte mich und gab mir 200 US-Dollar", erinnert sich Vanessa Rodel. "Ich umarmte ihn und sagte ihm, er solle auf sich aufpassen." 

An jenem Tag verließ Snowden Hongkong, er hatte einen Flug nach Ecuador über Moskau gebucht. Aber in der russischen Hauptstadt verweigerten ihm die Behörden die Weiterreise, die US-Regierung hatte seinen Reisepass kurzerhand ungültig gestempelt. Nach tagelangen Verhandlungen erhielt Snowden in Russland Asyl. Bis heute lebt er im Großraum Moskau.