Es ist eine Debatte darüber entbrannt, ob man den Namen des Attentäters von Christchurch nennen soll oder besser darauf verzichtet. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Frage mit Blick auf Terroristen, die ja auf Öffentlichkeit versessen sind, aufkommt. Dass die Diskussion dieses Mal vehementer geführt wird, dürfte mit der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern zu tun haben, die im Parlament sagte: "Er wollte durch seinen Terroranschlag viele Ziele erreichen, aber eines war Bekanntheit, darum werden Sie nicht hören, wie ich seinen Namen erwähne. Er ist ein Terrorist. Er ist ein Verbrecher. Er ist ein Extremist. Aber er wird, wenn ich spreche, namenlos sein." Sie wünsche sich, dass auch andere die Namen der Opfer statt den des Täters im Mund führen mögen.

Es besticht, wie souverän Jacinda Ardern bisher mit dem Anschlag von Christchurch umgegangen ist. Sie zeigte demonstrative Solidarität mit den Muslimen im Land. Sie kündigte strengere Waffengesetze nicht nur an, sondern setzte sie – innerhalb weniger Tage – auch durch. Ardern stillt das Bedürfnis einer aufgewühlten internationalen Öffentlichkeit nach Orientierung, was unzweifelhaft gut ist. Ihre Forderung, den Namen des Mörders zu verschweigen, scheint die Reihe ihrer durchdachten Schritte zu vervollständigen. Deshalb trifft sie auf offene Ohren.

Auch ZEIT-ONLINE-Leser haben sich schon beschwert

Ein Echo dessen findet sich auch in Leserreaktionen auf ZEIT-ONLINE-Artikel, zum Beispiel auf ein Interview, das ich Anfang der Woche mit einem australischen Experten über Brenton Tarrant geführt habe. "Heute nennt man in einem Interview schon gerne 11 (!!) Mal den Namen eines Massenmörders, wenn es Klicks bringt", empörte sich ein Leser auf Twitter. "Es betrifft mich sehr, dass ich nun mehrere Tage nach dem Anschlag den Namen zum ersten Mal ausgerechnet bei der Zeit lese", beklagte eine Leserin per E-Mail.

Leider ist es etwas komplizierter.

Dass Jacinda Arderns Forderung Grenzen hat (und haben muss!), lässt sich zum Beispiel schon am ersten Auftritt des Attentäters vor Gericht erkennen. Der Richter P. Kellar, der ebenfalls große Besonnenheit ausstrahlt, machte alles richtig – und tat trotzdem das Gegenteil dessen, was Ardern gefordert hatte: Er nannte den Namen des Mörders, verschwieg jedoch die der Opfer – und zwar aus Respekt vor den Angehörigen. Er erlaubte Film- und Tonaufnahmen, weil "Offenheit und Transparenz" für die neuseeländische Justiz von fundamentaler Bedeutung seien. Und die anwesenden Journalisten erinnerte er daran, dass sie "Augen und Ohren" der Öffentlichkeit seien.

Ardern und Kellar kamen also aus vergleichbar hehren Motiven zu unterschiedlichen Schlüssen. Was für eine Premierministerin richtig ist, kann für einen Richter falsch sein. Das ist nicht schlimm, sondern hat mit ihren ganz unterschiedlichen Aufgaben zu tun.

Und auch Journalistinnen und Journalisten können – und dürfen – verschieden auf diese berufsethische Herausforderung reagieren. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT beispielsweise beschreiben wir die Anschläge und ihre Folgen in einem Dossier; der Name des Mörders bleibt darin absichtlich unerwähnt. Ich habe an diesem Dossier mitgearbeitet und finde die Entscheidung in Ordnung, hätte selbst aber anders entschieden.

Warum?

Weil ich als Journalist, der sehr viel über Terrorismus berichtet, der Ansicht bin, es geht eine Gefahr damit einher, Terroristen konsequent nicht beim Namen zu nennen. Es ist dann wie in den Harry-Potter-Romanen, in denen sich kaum noch jemand traut, den Namen des Oberschurken Voldemort auszusprechen. Voldemort wird zu "Er, dessen Name nicht genannt werden darf". Und erst damit gerinnt er zum Ungeheuer – und wird zu jemandem, dem mehr Macht zugeschrieben wird, als er in Wahrheit hat.

Wenn man Terroristen wie Brenton Tarrant zu Voldemorts macht, verschleiert man unwillkürlich den Blick darauf, dass sie Menschen sind. Und zwar nur Menschen. Wenn ich Tarrant jedoch als eine Art Naturkatastrophe begreife, als Monster ohne Namen (und damit auch: ohne Geschichte, ohne Kindheit, ohne Entwicklung) – dann wird es viel schwieriger, den nächsten Tarrant zu erkennen und aufzuhalten.

Sollte man den Nachnamen abkürzen?

Bleibt das Argument, dass Terroristen wie Tarrant sich nichts mehr wünschen als fame: Sie wollen schließlich Nachahmer auf den Plan rufen, als Vorbilder dienen, ihre Botschaften verbreitet wissen. Kann man diesem Dilemma entgehen?

Ja, man kann. Wenn man sich klarmacht: Es ist gar kein Dilemma. Es geht, ganz banal, um eine Abwägung zwischen zwei Folgen. Erstens: Wenn wir als Journalisten Tarrants Namen erwähnen, tun wir ihm einen Gefallen. Zweitens: Wenn wir Tarrants Namen erwähnen, ihn und seine Tat einordnen und erklären, dann erfüllen wir unsere Kernaufgabe gegenüber unseren Leserinnen und Lesern. Was wiegt schwerer? Für mich ist die Antwort einfach: Mein Mandat gegenüber dem Publikum meines Mediums geht vor. Mein Job ist es, Leserinnen und Leser durch meine Arbeit in einen Zustand zu versetzen, in dem sie mehr wissen und besser entscheiden können als zuvor. Das ist wichtiger als der Kollateralschaden, der darin besteht, dass Brenton Tarrant eingeplant hat, ich könne nicht umhin, über ihn zu berichten.

Die Interessen der Leserinnen und Leser gehen vor

Es ist mir wichtig, das deutlich zu formulieren, denn diese Herausforderung stellt sich ja bei jeder Art von Terrorberichterstattung: Wenn wir Terroristen (Brenton Tarrant, IS, Al-Kaida, NSU – ganz egal) einen Gefallen tun, sobald wir über sie berichten, wäre es dann nicht besser, gar nicht zu berichten? Also noch mal: Nein! Die Interessen meiner Leserschaft gehen vor. Punkt.

Trotzdem: Es geht natürlich immer noch ein bisschen besser.

Mir ist zum Beispiel bewusst, auch durch persönliche Begegnungen, dass Angehörige von Terroropfern oft darunter leiden, wenn sehr viel über die Täter und verhältnismäßig wenig über die Opfer berichtet wird. Ich finde es sinnvoll, das im Hinterkopf zu behalten. Man könnte auch darüber nachdenken, als Kompromisslösung den Nachnamen von Tätern abzukürzen. Mir würden im Moment keine Einwände einfallen.

Nur ganz auf einen Namen zu verzichten, den Täter virtuell totzuschweigen: Das halte ich für keine gute Idee. Und für Journalisten sogar für eine schlechte.