Bleibt das Argument, dass Terroristen wie Tarrant sich nichts mehr wünschen als fame: Sie wollen schließlich Nachahmer auf den Plan rufen, als Vorbilder dienen, ihre Botschaften verbreitet wissen. Kann man diesem Dilemma entgehen?

Ja, man kann. Wenn man sich klarmacht: Es ist gar kein Dilemma. Es geht, ganz banal, um eine Abwägung zwischen zwei Folgen. Erstens: Wenn wir als Journalisten Tarrants Namen erwähnen, tun wir ihm einen Gefallen. Zweitens: Wenn wir Tarrants Namen erwähnen, ihn und seine Tat einordnen und erklären, dann erfüllen wir unsere Kernaufgabe gegenüber unseren Leserinnen und Lesern. Was wiegt schwerer? Für mich ist die Antwort einfach: Mein Mandat gegenüber dem Publikum meines Mediums geht vor. Mein Job ist es, Leserinnen und Leser durch meine Arbeit in einen Zustand zu versetzen, in dem sie mehr wissen und besser entscheiden können als zuvor. Das ist wichtiger als der Kollateralschaden, der darin besteht, dass Brenton Tarrant eingeplant hat, ich könne nicht umhin, über ihn zu berichten.

Die Interessen der Leserinnen und Leser gehen vor

Es ist mir wichtig, das deutlich zu formulieren, denn diese Herausforderung stellt sich ja bei jeder Art von Terrorberichterstattung: Wenn wir Terroristen (Brenton Tarrant, IS, Al-Kaida, NSU – ganz egal) einen Gefallen tun, sobald wir über sie berichten, wäre es dann nicht besser, gar nicht zu berichten? Also noch mal: Nein! Die Interessen meiner Leserschaft gehen vor. Punkt.

Trotzdem: Es geht natürlich immer noch ein bisschen besser.

Mir ist zum Beispiel bewusst, auch durch persönliche Begegnungen, dass Angehörige von Terroropfern oft darunter leiden, wenn sehr viel über die Täter und verhältnismäßig wenig über die Opfer berichtet wird. Ich finde es sinnvoll, das im Hinterkopf zu behalten. Man könnte auch darüber nachdenken, als Kompromisslösung den Nachnamen von Tätern abzukürzen. Mir würden im Moment keine Einwände einfallen.

Nur ganz auf einen Namen zu verzichten, den Täter virtuell totzuschweigen: Das halte ich für keine gute Idee. Und für Journalisten sogar für eine schlechte.