Für das EU-Insiderwissen ist in diesem Wahlkampf Barleys Co-Spitzenkandidat Udo Bullmann zuständig. Der 62-jährige Hesse ist eher ein hemdsärmeliger Typ, aber er beherrscht das Strippenziehen in Brüssel. Seit 20 Jahren sitzt er für die SPD im Europaparlament, seit einem Jahr ist er Vorsitzender der Fraktion der europäischen Sozialdemokraten. Allein hätte er den Wahlkampf wegen fehlender Plakattauglichkeit wohl für die SPD nicht reißen können, nun gilt eine Art Arbeitsteilung: Barley stehe für die "moderne SPD", Bullmann für Erfahrung in Brüssel, wie es SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und Wahlkampfmanager Michael Rüter bei einem Pressegespräch erklärten.

Bullmanns Rede fällt an diesem Samstag in die Mittagspause des Parteitags. Entsprechend leer sind die Reihen. Doch das muss ihn nicht anfechten. Seine Zeit beginnt am Tag eins nach der Europawahl, wenn er auf dem ihm vertrauten Terrain wieder Politik machen kann. Und das ist Brüssel, nicht Berlin.

In seiner Rede spricht Bullmann davon, dass seine SPD in Europa soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz verbinden wolle. Und er kritisiert die Fraktion der Konservativen im EU-Parlament dafür, dass sie den ungarischen Premier Viktor Orbán so lange in den eigenen Reihen geduldet habe. Sowieso, bei der SPD hat man sich vorgenommen, auch im Europawahlkampf den Unterschied zu den Konservativen herauszuarbeiten. Und sich ein neues Wort dafür überlegt: "die Lauen". Das seien, erklärt Parteichefin Nahles, Konservative, die sich dem Rechtsruck zu "lau", zu wenig entgegenstellten und ihn zum Teil tolerierten. "Wir sind stärker als die Ewiggestrigen", ruft Nahles den SPD-Delegierten zu.

Doch wird ein pastelliger Haltungswahlkampf allein helfen, enttäuschte SPD-Wähler zurückzugewinnen? Zumal auch die Grünen die Themen Umwelt und Soziales plakatieren werden? Für die SPD ist es ein Dilemma: Greift sie die Grünen im Wahlkampf an, wirkt sie unsouverän und attackiert einen möglichen Partner. Doch wenn sie untätig bleibt, dann wirkt sie wie eine Partei, die einfach nur versucht, die Jugendlichkeit der Grünen nachzuahmen.

Streitpunkt Uploadfilter

Auch sonst hat die SPD einige Widersprüche intern nicht aufgelöst. So beschloss der Parteitag am Samstag mit nur einer Gegenstimme einen Antrag zum großen aktuellen europäischen Streitthema: Die SPD stellt sich nun bei der Reform des europäischen Urheberrechts gegen die umstrittenen Uploadfilter. Doch in der SPD ist die Meinungslage nicht so klar, wie es scheint. Spitzenkandidatin Barley hatte im Bundeskabinett und im EU-Justizministerrat die Urheberrechtsreform zunächst als Ganzes unterstützt – obwohl sie beteuert, immer vor der Anwendung von Uploadfiltern gewarnt zu haben. Es gibt in Berlin aber auch Sozialdemokraten, die von einer "krassen Fehleinschätzung" der Kandidatin sprechen. Sie habe den Widerstand gegen die Uploadfilter völlig unterschätzt, nun versuche die SPD, peinlich beizudrehen. Auf der anderen Seite mahnt das Kulturforum der Sozialdemokratie an, dass es bei aller Angst vor Zensur auch wichtig sei, die Urheberrechte der Künstler besser zu schützen.

Ähnlich unklar ist die Haltung der SPD zu mehr Rüstungsexporten. Die Sozialdemokraten wollen das Rüstungsembargo für Saudi-Arabien verlängern, sehr zum Ärger von Großbritannien und Frankreich. Doch Nahles betonte bei ihrer Rede am Samstag, dass ihr an diesem Punkt der europäische Zusammenhalt eher egal sei. Auch gibt es Widersprüche beim Thema Ökologie, das die SPD neu für sich entdeckt hat, denn selbst wenn der Parteitag am Samstag warme Worte für die Fridays-for-Future-Proteste fand: Bei ihren Bemühungen um konkreten Klimaschutz wird die SPD-Umweltministerin oft genug aus der eigenen Partei ausgebremst. Zu groß ist die Angst vor der Wut der Industriearbeiter, die bei zu viel Klimaschutz um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Und schließlich sind da noch Martin Schulz und der Koalitionsvertrag. Der ehemalige Vorzeigeeuropäer der SPD fehlte am Samstag auf dem Parteitag, laut Informationen des Spiegels war wegen einer Panne keine Einladung bei ihm angekommen und er schon verplant, als er von dem Termin erfuhr. Es war aber ausgerechnet Schulz, der vor genau einem Jahr das Thema Europa ganz nach vorn in den Koalitionsvertrag verhandelte. Danach verlor er seine Spitzenposten und auch das Thema Europa geriet in den Hintergrund. Vieles ist von den SPD-Ministern noch nicht angegangen worden. Auch dieses fehlende europäische Engagement wird die SPD im Wahlkampf noch zu erklären haben.