FDP-Chef Christian Lindner teilte gewohnt hart gegen den politischen Gegner aus. Linke Politik, das seien "Staatsinterventionismus, Quoten, Verbote, Subventionen", sagte er am Montagabend in Berlin. Neben ihm stand SPD-Chefin Andrea Nahles – und für einen kurzen Moment wirkte das Ganze wie eine normale Wahlkampfveranstaltung: Oppositionspolitiker wettert gegen Regierungspartei.

Doch statt mit lautem Widerspruch reagierte Nahles mit einem verhaltenen Lachen. Mit dieser Definition von linker Politik sei sie nicht ganz einverstanden, antwortete sie. Er habe sie nicht persönlich angehen wollen, erwiderte Lindner. "Für mich ist die SPD immer noch eine Partei der Mitte", sagte er und schob dann noch ein "Mitte links" hinterher. So viel Harmonie ist selten zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien: Gemeint hatte Lindner vielmehr die Grünen.

Zum 50. Jahrestag der ersten sozialliberalen Koalition im Bund hatten die Friedrich-Ebert- und die Friedrich-Naumann-Stiftung die beiden Parteichefs zur Diskussion eingeladen. "Blick zurück nach vorn. Sozial-liberale Politik gestern und heute", lautete der Titel der Veranstaltung. Doch wie gut könnten Liberale und Sozialdemokraten heute noch gemeinsam Politik machen? Gibt es auch eine inhaltliche Basis?

Bündnisse jenseits der Union

SPD und FDP teilen ein ähnliches Schicksal: Beide müssen Machtoptionen jenseits der Union finden. Die Neuauflage der großen Koalition nach der Bundestagswahl 2017 war kein Wunschbündnis. Möglich, dass die Sozialdemokraten spätestens im Herbst die Revisionsklausel des Koalitionsvertrags nutzen werden, um das Bündnis zu beenden. Und auch beim Partner der SPD gibt es Bewegung: Vor wenigen Wochen zeigte die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Interview demonstrativ, wie gut sie sich mit Katrin Göring-Eckardt von den Grünen versteht.

Nahles, mit magentafarbenem Blazer, und Lindner, im dunklen Anzug, gaben sich in Berlin alle Mühe, Gemeinsamkeiten zu betonen. In der Migrationspolitik könnten SPD und FDP zu besseren Lösungen kommen als jede andere Konstellation, sagte der FDP-Chef. "Beide Parteien leben Toleranz, sind aber nicht einem naiven Idealismus verfallen." Zustimmendes Nicken von Nahles.

"Wir wollen da beide nicht mit Verbotslogik ran"

Auch beim Thema Umweltpolitik gibt es Übereinstimmungen. Lindner erinnerte daran, dass Hans-Dietrich Genscher 1969 der erste für Umwelt zuständige Minister war. Das Thema hätten beide Parteien anschließend den Grünen überlassen, die dann ökologische Verantwortung mit "hart linken, kommunistischen, das System verändernden Ansätzen verbunden" hätten. Mit der FDP könne man sich in der Umweltpolitik einigen, meinte auch Nahles denn, "wir wollen da beide nicht mit Verbotslogik ran".

Trotz großer Unterschiede beim Thema Mindestlohn oder in der Rentenpolitik gaben sich beide Mühe, diese Differenzen zu umschiffen. Und außerdem: Koalitionen würden eben nicht nur wegen der Übereinstimmungen geschlossen, sagte Lindner. "Manchmal sind zuerst die machtpolitischen Interessen und danach die Gemeinsamkeiten in der Sache entscheidend."