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Philippe Van Parijs ist Professor an den Universitäten Louvain und Leuven. Zu seinen Büchern gehören "Sprachengerechtigkeit für Europa und die Welt" und "Belgium. Une utopie pour notre temps". Dieser Text basiert auf seiner Rede anlässlich des Auftakts von "Europe Talks" am 11. Mai 2019 in Brüssel.

Die Europäische Union wird ihrer Aufgabe ohne ein stärkeres europäisches Volk künftig nicht gerecht werden können. Kein Volk im Sinne eines sogenannten Ethnos (einer Bevölkerung mit einer starken Bindung durch eine gemeinsame Kultur, die eng mit einer Muttersprache verknüpft ist), sondern im Sinne eines Demos – einer Bevölkerung, die durch einen Informations- und Argumentationsfluss geeint ist, durch die Debatte und Überlegung darüber, was die gemeinsame Agora im Kern ausmacht. Ein solcher Informationsfluss verlangt nach einem kostengünstigen und effektiven Kommunikationsmittel. Er verlangt nach der Lingua franca.

Aus diversen, historischen Gründen ist und bleibt dies Englisch. Wird das jedoch auch nach dem Brexit noch der Fall sein? Erst recht nach dem Brexit – denn dann wird der englischen Sprache ein neutralerer Stellenwert zukommen, da sie nicht länger Amtssprache eines EU-Mitgliedsstaats sein wird. Englisch ist eine Kontinentalsprache, die der britischen Bevölkerung in zwei Entwicklungsschüben auferlegt wurde: mit dem germanischen Einschlag aus dem 5. Jahrhundert durch die Angeln und Sachsen und dem französischen Einschlag im 11. Jahrhundert durch die Normannen. Wir sollten uns allmählich davon verabschieden, diese Sprache immer nur mit dem Union Jack zu verbinden – wie es auf zahlreichen Websites noch immer gang und gäbe ist.

Es ist an der Zeit, sie uns endlich wieder zu Eigen zu machen, sie mit unserer breiten Palette an Akzenten zu sprechen und nicht zu versuchen, die Aussprache von Herrn Trump oder Frau May zu imitieren. Die Brexit-Kampagne wurde zum Teil von dem Slogan "Gebt uns unser Land zurück!" ("Give us back our country!") getragen. Unsere Forderung muss nun lauten: "Gebt uns unsere Sprache zurück!"

Wird diese Lingua franca automatisch den Platz unserer vielen Muttersprachen einnehmen? Keineswegs. Allerdings müssen wir dafür sorgen, unsere Muttersprachen nicht nur im privaten Rahmen zu pflegen und zu sprechen, sondern dies auch in den öffentlichen Räumen unserer jeweiligen Länder zu tun. Und diejenigen, die dauerhaft ihren Platz unter uns suchen, müssen verstehen, dass von ihnen verlangt wird, den Mut und die Demut zu beweisen, unsere offiziellen Landessprachen zu erlernen. Diese müssen weiterhin das Kommunikationsmittel der Wahl sein. Das gilt für den Schulunterricht, vor allem aber auch für den öffentlichen Diskurs.

Doch sogar bei derlei Einschränkungen weckt die Verbreitung einer Lingua franca noch diverse Bedenken. Allen voran: Besteht nicht das Risiko, dass mit der Zunahme an Sprachkompetenz in der Lingua franca unsere Motivation, Sprachen außer Englisch und unsere eigenen Muttersprachen zu lernen und zu pflegen, sinken wird? Tatsächlich kann uns ein früher Einstieg in die Zweisprachigkeit das spätere Erlernen weiterer Sprachen erleichtern. Doch Sprachkenntnisse werden vor allem durch Übung erworben und gepflegt. Je mehr Menschen im Ausland Englisch beherrschen, desto weniger Gelegenheit und Ansporn haben wir, eine weitere Fremdsprache zu erlernen.