Und plötzlich sprechen alle über Sozialismus: Juso-Chef Kevin Kühnert hat mit seiner in einem Interview mit der ZEIT geäußerten Forderung, Automobilkonzerne wie BMW zu vergemeinschaftlichen, eine bundesweite Debatte ausgelöst. Kühnert scheint die Frage nach einem Gegenentwurf zum Kapitalismus zu einem passenden Zeitpunkt aufgeworfen zu haben. Aus linken Kreisen erhält er Zustimmung, Kritik kommt nicht nur von der Opposition, sondern auch aus der eigenen Partei.

Wir wollten wissen, was Sozialismus für Sie bedeutet. Viele Ihrer Einsendungen haben den Begriff mit dem Scheitern der DDR und der Sowjetunion in Verbindung gebracht. Es gab jedoch auch Stimmen, die Sozialismus als eine konstruktive Gesellschaftstheorie im Angesicht kapitalistischer Missstände begreifen. Lesen Sie hier eine Auswahl der Zuschriften.

Weniger Geld bedeutet weniger Freiheit.
User/in Felix Ahls

Für mich bedeutet Sozialismus erst mal nur eine demokratischere Gesellschaftsform als die kapitalistische: Eine sozialistische Gesellschaft würde Entscheidungen über den Inhalt und die Organisation der Produktion auf Grundlage demokratischer Prozesse treffen. Zurzeit trifft solche Entscheidungen der freie Markt, der durch den Egoismus der Einzelnen mehr Wohlstand für alle bringen soll. Freiheit auf diesem Markt bemisst sich allerdings daran, wie viel Geld man besitzt. Weniger Geld bedeutet weniger Freiheit. Das heißt Jobs machen, die ich nicht machen will. In Wohnungen und Städten wohnen, in denen ich nicht wohnen will. Essen essen, das ich nicht essen will. Weil ich mir anderes nicht leisten kann. Und so weiter.

Ich bin Arzt und habe bis vor Kurzem in einem Krankenhaus gearbeitet, das im Besitz eines Krankenhauskonzerns ist. Dort wurde unter den Beschäftigten viel über die Unzulänglichkeit des aktuellen Systems geredet, über den Zeitdruck und die absurde Idee, mit Gesundheitsversorgung Profit zu erwirtschaften. Darüber, dass das Geld die Arbeit mit den Patienten kaputt macht. Und weil wir tatsächlich unter hohem Zeitdruck arbeiteten und die medizinische Versorgung durch ökonomische Logik verzerrt wurde, habe ich das Krankenhaus auch verlassen. Am Beispiel Gesundheit kann man gut sehen, was Sozialismus bedeuten könnte.

Natürlich denke ich an die DDR, wenn ich Sozialismus höre. Dennoch hat meine Vorstellung davon nichts mit einem solch undemokratischen und gewalttätigen Staat wie der DDR zu tun, in dem die Macht nur noch von staatlicher Bürokratie anstelle von kollektiven Entscheidungsgremien ausging.

In meiner Generation, der auch Kevin Kühnert angehört, ist es wieder möglich – und auch notwendig –, über eine Alternative zum Kapitalismus zu diskutieren. Falls man ein Sozialist ist, wenn man eine Gesellschaft jenseits unserer jetzigen Wirtschaftsweise für wünschenswert hält, dann bin ich wohl auch Sozialist.