Wer erfahren will, wie tief Amerikas politischer, kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Graben ist und warum ein Präsident wie Donald Trump möglich wurde, sollte nach Nashville fahren.

Die Hauptstadt des US-Staates Tennessee hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen fundamentalen Wandel erlebt. Die einst verschlafene Stadt am Cumberland River ist inzwischen eine Boomtown und gehört zu den fünf erfolgreichsten Städten der USA. Die Hightech- und Musikindustrie, hervorragende Universitäten wie Vanderbilt sind Magneten, Amazon hat vor Kurzem ein neues Verteilungszentrum errichtet, Nissan und Bridgestone haben in Nashville ihren amerikanischen Hauptsitz. Zigtausende von Touristen zieht es Tag für Tag und Nacht für Nacht in Dutzende von Musikkneipen auf dem breiten Broadway und dessen Seitenstraßen. Country-Musik ist Nashvilles größte Attraktion.

Der politische Graben zwischen der Boomtown und dem Umland

Im US-Bundesstaat Tennessee leben rund 6,7 Millionen Menschen, in und um Nashville herum weit mehr als jeder Vierte davon. Es zieht vor allem junge Menschen hierher, die Aktiven, denen Metropolen wie New York, Los Angeles oder San Francisco zu teuer, zu eng und zu laut geworden sind. Und weil man hier gute Chancen hat, einen Job und ein Dach über dem Kopf zu finden, lassen sich in Nashville auch viele neue Einwanderer nieder.

Die Zahl der im Ausland geborenen Einwohner hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Die meisten stammen aus Lateinamerika, aber Nashville beherbergt auch die größte kurdischstämmige Bevölkerungsgruppe der USA, mindestens 11.000 Menschen. Der Boom und der gewaltige Zuzug haben allerdings auch Kehrseiten, dieselben, die man auch in Städten wie Berlin, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart oder München antrifft: Bezahlbare Wohnungen sind Mangelware und stellen die Stadt vor große soziale Probleme.

Die Kluft zwischen denen, die viel, und jenen, die wenig verdienen, die eine gute und die eine schlechte Ausbildung haben, wird immer größer. Die Zahl der Obdachlosen schnellt beängstigend in die Höhe und beläuft sich bereits auf viele Tausend. Leidtragende sind vor allem die Afroamerikaner, die rund 28 Prozent der Einwohner von Nashville ausmachen. Es vertieft sich aber auch der politische Graben zwischen der Boomtown und dem Umland, dem Rest von Tennessee. Hier spiegelt sich geradezu exemplarisch die tief zerstrittene amerikanische Gesellschaft wider.

Nashville wird von Demokraten regiert, die Stadtbevölkerung ist in den vergangenen Jahren jünger, moderner und liberaler geworden. Den Staat Tennessee aber beherrschen die Republikaner, viele Gebiete sind sehr ländlich geblieben. Von 95 Wahlbezirken stimmten im November 2016 nur drei für die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, darunter auch Davidson County, wo Nashville liegt. 92 Bezirke wählten Donald Trump, er erhielt in Tennessee knapp 61 Prozent aller Stimmen.

Wie in ganz Amerika sind die Republikaner auch in diesem südlichen Bundesstaat Tennessee in den vergangenen Jahren rechter und die Demokraten linker geworden. Die Bereitschaft zu Kompromissen ist gesunken. In den Grenzen von Nashville zum Beispiel werden viele gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen, die Republikaner im Staat wollten das einst verhindern. Am Ende gaben sie nach, weil große Konzerne damit drohten, sich aus Tennessee zurückzuziehen. Dieses Risiko wollten selbst einige Erzkonservative nicht eingehen.

Der Grand Wizzard bleibt

Am sichtbarsten wird der unbarmherzige politische Konflikt im Kapitol von Tennessee, dort wo der Senat und das Abgeordnetenhaus des Südstaats ihren Sitz haben. Dort steht eine Büste, sie zeigt den ehemaligen Südstaatengeneral Nathan Bedford Forrest. Seine Ausstellung im Parlament ist eine Beleidigung nicht nur jedes Afroamerikaners, sondern jedes demokratisch und freiheitlich denkenden Menschen. Forrest, 1821 rund achtzig Kilometer südlich von Nashville geboren, war nämlich nicht nur ein mutiger Kavalleriegeneral. Er war ein Rassist, ein zu Reichtum gelangter  Sklavenhändler – und: Forrest war der erste Grand Wizzard, der erste Führer des Geheimbundes Ku-Klux-Klan, der mit Gewalt und Lynchmorden gegen jede Art von Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfte.

Was die Sache darüber hinaus schlimm macht: Die Büste wurde nicht im 19. Jahrhundert aufgestellt, nicht im oder nach dem amerikanischen Bürger- und Sezessionskrieg, sondern über hundert Jahre später. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts, erst nachdem der US-Kongress in den Sechzigerjahren bereits die Bürgergesetze zur Gleichberechtigung der Afroamerikaner beschlossen und Gerichte diese durchgesetzt hatten.

Wie umgehen mit den Statuen von Rassisten?

Die Entscheidung, den ersten Ku-Klux-Klan-Führer im Staatshaus von Tennessee zu würdigen und zu verewigen, traf das Parlament 1973, enthüllt wurde die Büste im November 1978. Verantwortlich dafür waren im Übrigen nicht nur Republikaner, sondern auch führende Demokraten aus Tennessee.

Von Anfang an gab es dagegen heftigen Protest, vor allem aus der Hauptstadt Nashville. In den vergangenen Jahren hat dieser Widerstand noch einmal stark zugenommen, zumal in vielen amerikanischen Orten Denkmäler von Südstaatengenerälen, die einst für den Erhalt der Sklaverei kämpften, weichen mussten. Die meisten Bürger von Nashville würden die Büste lieber heute als morgen stürzen. Doch über das Kapitol bestimmt nicht die Stadt, sondern der Staat Tennessee. Und dort haben die Republikaner das Sagen. Bislang haben sie sich allen Bestrebungen, Nathan Bedford Forrest aus dem Kapitol zu verbannen, energisch widersetzt. Der bisherige Sprecher des Abgeordnetenhauses, einer der mächtigsten Männer in Tennessee, gehört dazu.

Vor ein paar Tagen musste Glen Casada auf großen öffentlichen Druck hin seinen Rücktritt erklären, als Folge einer E-Mail-Affäre. Sein ehemaliger Bürochef hatte in diversen E-Mails, die auch an Casada gerichtet waren, beleidigende und anzügliche Bemerkungen über Frauen gemacht und schwarze Amerikaner "Idioten" genannt.

Casada schien das nicht zu stören. Wie einst Donald Trump tat er die Bemerkungen seines engsten Mitarbeiters als locker room talk ab, als harmloses Männergeschwätz in der Umkleidekabine. Wie Donald Trump hält er die Denkmalstürze der Südstaatengeneräle für eine große Schmach. Casada musste gehen – die Büste des ersten Ku-Klux-Klan-Chefs aber bleibt.