Das Bild hat sich meinem Gedächtnis so tief eingebrannt wie das Foto des in panischer Angst nackt vor einem amerikanischen Napalm-Angriff fliehenden kleinen vietnamesischen Mädchens: der "Tank Man". Ein Unbekannter, wohl ein chinesischer Student, der in schwarzer Hose und weißem Hemd vor einer Panzerkolonne steht, eine Einkaufstüte in jeder Hand, und versucht, den Konvoi am Vorrücken zum Tiananmen-Platz zu hindern.

Es war der 5. Juni 1989. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking hatten Zigtausende schon wochenlang für Freiheit und Demokratie demonstriert, eine zehn Meter hohe "Göttin der Demokratie" – eine Styropor-Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue – verkörperte ihr Reformziel. Bei den Demonstranten handelte es sich zum größten Teil um regimekritische Studenten, doch nahmen auch Arbeiter an den Demonstrationen teil, die damals die Teuerung und Ungleichheit unerträglich fanden, welche die kapitalistisch inspirierten Wirtschaftsreformen mit sich brachten.

Als die Proteste sich immer weiter ausbreiteten, beschloss Deng Xiaoping, dem Aufruhr ein Ende zu setzen. "Zweihundert Tote können China zwanzig Jahre Frieden bringen", wird er zitiert. An den beiden Tagen vor dem Auftritt des Tank Man schlug die Armee die Reformbewegung in der ganzen Stadt brutal nieder. Nach amtlichen Angaben kamen dabei 241 Zivilisten, Soldaten und Polizisten ums Leben. Andere Schätzungen reichen jedoch bis zu 2.600, ja sogar 10.000 Toten.

Millionen Tote durch den Großen Sprung

Damit koppelte Deng China von der Reformbewegung in Osteuropa und in Russland ab. Bei einem Staatsbesuch musste der sowjetische Präsident Gorbatschow an den Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz vorbei durch einen Hintereingang in den Palast des Volkes geschleust werden. In der noch existierenden DDR wurde die Niederschlagung der "konterrevolutionären Unruhen" ausdrücklich unterstützt, was im Sommer beträchtlich zur Verstärkung der ostdeutschen Fluchtbewegung beitrug.

Es ist sehr fraglich, ob Helmut Schmidt heute noch die Behauptung aufrechterhalten würde, dass es sich "bei der Tiananmen-Tragödie mit vielen hundert Toten um kein herausragendes Ereignis handelte". In Wahrheit war der 4. Juni 1989 der 17. Juni 1953 der Volksrepublik China. Auf Taiwan und in Hongkong gedenken Zigtausende jedes Jahr des Massakers.

In der Volksrepublik jedoch wird die Erinnerung daran systematisch ausgelöscht – und nicht nur die Erinnerung daran. Das Regime kann und will nicht mit der eigenen Geschichte ins Reine kommen. Von Vergangenheitsbewältigung ist nur die Rede, wenn es darum geht, die mit dem Opiumkrieg 1839-1842 beginnenden 110 Jahre der Demütigung und Erniedrigung durch ausländische Mächte zu überwinden. Die kommunistische Vergangenheit jedoch wird lieber nicht aufgearbeitet.

Dies gilt für den "Großen Sprung nach vorn", der 1957-1961 bis zu 45 Millionen Menschen das Leben kostete; nach der Einschätzung des Freiburger Sinologen David Leese gab es 32 Millionen Todesopfer. Die meisten verhungerten, 2,5 Millionen wurden ermordet.

Erst recht gilt es für die Große Proletarische Kulturrevolution, die Mao Zedong mutwillig vom Zaun brach und die von 1966 bis 1976 das Reich der Mitte in ein tödliches Chaos stürzte. Hunderttausende von Funktionären wurden damals geschasst und geschunden, viele wurden umgebracht. Fünfzig Millionen Rote Garden zogen marodierend kreuz und quer durchs Land, ausländische Missionen gingen in Flammen auf, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Insgesamt forderte die Kulturrevolution 1,5 bis 1,8 Millionen Tote, möglicherweise sogar bis zu drei Millionen, und ebenso viele körperlich Versehrte und fürs Leben Traumatisierte. 22 bis 30 Millionen Menschen wurden zudem politisch verfolgt, viele aufs flache Land verbannt.

Zwar wurden nach dem Tode Maos 1976 Millionen zu Unrecht als "Konterrevolutionäre" Verurteilte rehabilitiert, doch ist das Thema tabu. Die Kulturrevolution wird offiziell verurteilt ("ein Desaster für Land und Volk"), doch wird nicht offen darüber diskutiert.

Kein Wunder, dass auch die gewaltsame Niederschlagung der Proteste am 4. Juni 1989 so wenig bewältigt sind wie der Irrwitz des Großen Sprungs und die Anarchie der Kulturrevolution. Einheit und Stabilität gehen dem Regime über alles. Ordnung heißt für Xi Jinping Einordnung, Unterordnung. Er verlangt Disziplin und Linientreue. Und die Geschichtspolitik behält er lieber unter Kontrolle. Jeder Versuch einer objektiven Aufarbeitung gilt als "historischer Nihilismus". Sie ist nicht nur verpönt, sie ist auch unter Strafe gestellt. Die Geschichte wird ausradiert.