Es ist noch nicht einmal zwei Jahre her, da lagen die Grünen noch auf Platz sechs. Mit 8,9 Prozent der Stimmen zogen sie im September 2017 in den Bundestag ein. Bei den Europawahlen Ende Mai überholten sie dann die taumelnde SPD und lagen auf dem zweiten Platz. Nach aktuellen Umfragen haben sie mittlerweile sogar die Union überholt: Würde eine Bundestagswahl anstehen, wären die Grünen knapp stärkste Kraft.

Erstmals in ihrer 40-jährigen Geschichte gelingt es der einstigen Nischenpartei offenbar, breitere Wählerschichten anzusprechen. Nach dem Erfolg bei den Europawahlen wollte ZEIT ONLINE von Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, deshalb wissen: Wieso wählen Sie grün?

Inhalte vor Personal

In beinahe jeder der 3.000 Einsendungen tauchte das Kernthema Klima auf. Als ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung geben viele der Teilnehmerinnen zudem an, dass die Grünen für sie als einzige Partei dem Rechtsruck nicht anheimfallen würden: Im Gegensatz zu allen anderen im Bundestag vertretenen Fraktionen seien sie ihrer Agenda treu geblieben. Viele schrieben außerdem, dass in der Partei die Inhalte Vorrang hätten vor dem Personal: ein Aspekt, der angesichts der medialen Aufmerksamkeit für die Vorsitzenden Annalena Baerbock und vor allem Robert Habeck überrascht.

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Gleichberechtigung ist in dieser Partei nicht nur eine Phrase.
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KwieKaufmann
Ich fliege hundertmal pro Jahr, besitze drei Autos und zwei Motorräder. Vielleicht inkonsequent.
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Woko
Die Grünen sollten eine Koalition mit CDU und FDP ausschließen.
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asdf
Die Grünen betrachten die Welt mit den Augen der Schwächeren.
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Sophia
Alle anderen Parteien stehen für Stillstand.
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Josce
Die Grünen sind kompromissbereiter geworden.
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Anna
Ich hätte niemals gedacht, dass ich die Grünen wählen würde.
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Kleiner Reggiano
Die vergangene Bundestagswahl hat mich politisiert.
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Anon
In Brüssel ist Dynamik, in Berlin sitzt die Koalition alles aus.
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Tanja H.
Trotz ihres Erfolgs reagieren die Grünen besonnen.
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Lukas F.
Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie und meine, wir leben gut von der freien Marktwirtschaft.
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Gerhard R.
Als Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet galt es immer, die SPD zu wählen.
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Pottkind
Wir stehen vor einer Naturkatastrophe, die die Menschheit noch nicht erlebt hat.
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OneWorld
Christliche Werte stehen bei den Grünen stärker im Fokus als bei der CDU.
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Anonym
Ich hoffe, dass die Grünen mehr ins Rollen bringen als Merkel in den letzten 14 Jahren.
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Angi K.
Ich wüsste nicht, wen ich sonst wählen sollte.
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Anna
Ich werde noch weitere siebzig Jahre auf dieser Erde verbringen.
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Annika H.
Ich wurde von dieser Partei noch nie enttäuscht.
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Katrin
Die Umwelt ist mir wichtiger als mein Erfolgstrip auf diesem Planeten.
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Esa Kraus
Keine andere Partei verfolgt konsequente Klimaziele.
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OstseeBiologin
Ich wähle grün, seit es diese Partei gibt.
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ralfralf
Eigentlich sympathisiere ich mit den Inhalten von SPD und CDU mehr.
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Maja
Ich wollte keinen Anschluss an die BRD.
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Kulturchrist
Warum habe ich nach 30 Jahren CDU die Grünen gewählt?
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Marcus Privat
Mich hat die Standhaftigkeit der Grünen beim Thema Flüchtlinge überzeugt.
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Julia aus Hamburg
Meine Stimme ist ein Zeichen für Rechtsstaatlichkeit und gegen Rassismus.
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Anonym
Allmählich wird mir die Partei zu bürgerlich-konservativ.
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Marty Funkhouser
Die Grünen haben eine gute Balance zwischen Reife und Frische gefunden.
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per velo
Ich empfinde die Grünen als glaubwürdiger als die SPD und die CDU/CSU.
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Susanne Zeis
Bisher hatten die Grünen für mich den Anschein einer Klientelpartei.
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Mike_y
Meine politische Sozialisierung hat ihre Wurzeln in der zweiten Frauenbewegung.
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Robertina
Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer spürbarer.
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GrüneTB
Es gibt für mich keine alternative Wahlmöglichkeit.
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Lukas
Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Lokführer gemacht.
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Marco Krause
Erst habe ich FDP, dann CDU gewählt.
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Falk82
Ich war seit Ende der Siebzigerjahre FDP-Mitglied.
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MES
Ich bin CSU-Mitglied, fühle mich den Grünen aber immer näher.
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Christian
Sozialer Zusammenhalt ist mir wichtiger als Fairtrade und Holzzahnbürsten.
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Georg F.
Trotz gegenteiliger Lebensweise habe ich Nachhaltigkeit verinnerlicht.
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Chinamann
Die Förderung von Frauen ist sympathisch.
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Johanna

Sie kommen von links, sie kommen von rechts

Neben Stammwählern, die bereits seit Gründung der Partei grün wählen, finden sich auch etliche Wähler, die sich bei der vergangenen Bundestags- oder Europawahl erstmals für die Partei entschieden haben. Dabei ist auffällig, dass die Grünen sowohl von konservativer als auch von linker Seite Zuspruch erhalten. Hier entspricht unsere Erhebung, die selbstverständlich nicht repräsentativ ist, den Statistiken: Sowohl SPD als auch CDU haben in Umfragen einen großen Anteil der Stimmen an die Grünen verloren.

Für ihre Ablehnung gegenüber der großen Koalition nennen die Teilnehmerinnen unserer Umfrage verschiedene Gründe: Ehemalige CDU-Wähler vermissen überzeugendes Personal bei den Christdemokraten, ehemalige SPD-Wählerinnen kritisieren die Profillosigkeit ihrer Partei. Zudem finden sich Stimmen von jenen, die zuvor Linke oder die FDP gewählt haben und in diesen Parteien keine überzeugenden Positionen zur Klimafrage finden. Diesen Aspekt geben beinahe alle derjenigen an, die erst seit Kurzem grün wählen.

Zur Auswahl

Leider können wir hier nur einen kleinen Teil der Einsendungen zeigen. Die Auswahl folgt dem Versuch, ein möglichst breites Spektrum der grünen Wählerschaft abzubilden. Der jüngste Wähler ist 18, die älteste Wählerin 82 Jahre alt. Außergewöhnlich im Vergleich zu anderen Umfragen ist, dass etwa gleich viele Männer und Frauen geantwortet haben. Einige entstammen Arbeiterfamilien, viele einem bildungsbürgerlichem Milieu, ein Teilnehmer berichtet von seiner Herkunft aus einer Unternehmerfamilie. Gerade bei den jüngeren Wählerinnen fällt auf, dass sie diverse Klassen- und Bildungshintergründe haben. Auffällig ist jedoch, dass ein Großteil der Teilnehmer eine akademische Ausbildung eingeschlagen hat und im urbanen Raum lebt.

Die hier versammelten Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Gleichwohl geben sie einen Einblick in die Motive der Wählerschaft und ergänzen sie durch biografische Skizzen sowie Hinweise auf die jeweilige politische Sozialisierung.