In Algerien haben rund 1.000 Anwältinnen und Anwälte gegen die Übergangsregierung von Abdelkader Bensalah protestiert. Sie demonstrierten vor einem Gerichtsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Algier und vor dem algerischen Parlament für eine unabhängige Justiz. Außerdem forderten sie die Freilassung von mehr als 30 Demonstranten, die während der landesweiten Proteste in den vergangenen Monaten verhaftet worden sind. Grund für ihre Festnahme ist das Zeigen der verbotenen Berber-Flagge.

"Die Anwälte wollen eine unabhängige Justiz, einen Rechtsstaat und Freiheiten und sind überzeugt, dass viele der politischen Gefangenen ohne rechtlichen Anlass festgesetzt wurden", sagte der Anwalt Mostefa Bouchachi. Vor dem Parlament forderten die Demonstranten in Sprechchören einen "zivilen Staat, keinen Militärstaat".

Neuwahlen verschoben

Im Februar dieses Jahres begannen immer mehr Algerier, gegen den langjährigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zu protestieren. Der 82-jährige, gesundheitlich schwer angeschlagene Machthaber hatte angekündigt, für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren. Nachdem die Polizei die Demonstrationen nicht mehr unterdrücken konnte, verzichtete Bouteflika zunächst auf die Kandidatur und verschob die Wahl auf unbestimmte Zeit. Nach weiteren Protesten trat er im April zurück.

Seitdem regiert der ehemalige Parlamentspräsident Bensalah mit einer Übergangsregierung das Land. Inzwischen hat seine Amtsführung allerdings viel Vertrauen verspielt. Laut Verfassung spätestens 90 Tage nach seinem Amtsantritt anzusetzende Neuwahlen wurden aus organisatorischen Gründen verschoben. Weil nicht nur er, sondern auch Armeechef Ahmed Gaïd Salah lange vor Bouteflikas Sturz zum engen Gefolge des Ex-Präsidenten gehören, fürchten viele Algerier eine neue Militärregierung.

Berbische Völker stellen mehr als ein Viertel der Bevölkerung Algeriens dar. Seit 2016 ist ihre Sprache offiziell als Amtssprache anerkannt und die ethnische Vielfalt des Landes in der Verfassung festgeschrieben. Dennoch sehen Menschenrechtler sie als gefährdet an, weil die politische Führung Algeriens einseitig an den Interessen der arabischen Mehrheit interessiert sei, wie etwa die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mahnt.