Das Europäische Parlament in Straßburg ist kein besonders schönes Gebäude: Viel Glas, Metall und Beton haben die Architekten in dem rundlichen Haus verbauen lassen. Für manche Bürger der Europäischen Union wirkt das Gebäude der demokratischsten der drei EU-Institutionen deshalb wie ein Ufo, wie vom Himmel gefallen, hier in der französisch-deutschen Grenzregion. Für Ursula von der Leyen ist das Bauwerk heute der Ort, an dem über ihre berufliche Zukunft entschieden wird. Alles oder nichts. Entweder wird sie am Abend zur neuen Präsidentin der EU-Kommission gewählt oder sie steht vor der Leere.

Als sie am Morgen den wichtigsten Saal des Parlaments betritt, hat sie nur eine Chance. Die Kraft ihrer Worte, die via TV und Internet in ganz Europa übertragen werden, muss heute eine Mehrheit der anwesenden mehr als 700 Abgeordneten überzeugen und die Zweifel über ihre sonderbare Nominierung vergessen machen. Um das mächtigste Amt ihrer bisherigen Karriere zu erreichen, muss sie jetzt die Rede ihres Lebens halten.

Kann sie das?

Ursula von der Leyen erhebt sich vom Platz mit der Nummer 21. Mal spricht sie auf Französisch, mal auf Englisch und mal in ihrer Muttersprache. Auch Jean-Claude Juncker wechselte wie selbstverständlich zwischen den drei europäischen Sprachen. Doch von der Leyens Art zu sprechen ist anders. Die deutsche Nochministerin benutzt ihre gesamte 1,60-Meter-Körperlänge zum Reden. Mal öffnet sie die Arme, als möchte sie den gesamten Saal umarmen. Mal – an besonders wichtigen Stellen ihrer Rede – ballt sie die Faust.

Von diesen Passagen gibt es einige. Die Frau, die hierzulande schon Familien-, Arbeits- und zuletzt Verteidigungsministerin war, findet an diesem Tag die richtige Mischung aus Emotionen und politischen Inhalten. Sie macht konkrete Versprechen: Die Bankenunion soll umgesetzt werden, eine Art europäische Arbeitslosenversicherung soll kommen. Sie will eine Kindergarantie einführen, ein EU-weites Recht Minderjähriger auf gute Versorgung, und sie will eine CO2-Abgabe einführen. Dazu wird sie persönlich: "Die Generation meiner Kinder kann sich ein Leben ohne ein Heimatgefühl Europa nicht mehr vorstellen", sagt sie mit Verweis auf ihre sieben Kinder und auf die vielen jungen Europäer, die zur hohen Wahlbeteiligung bei der Europawahl vor wenigen Wochen beigetragen hatten.

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In ihrer Rede spricht sie auch mehrmals über ihren Vater. Ihm habe sie es zu verdanken, dass sie in Brüssel, im Herzen der EU, geboren wurde. Er habe ihr davon erzählt, wie "aus den Trümmern und der Asche der Weltkriege" das friedliche Europa entstand. Und dank ihm habe sie im privaten Umfeld erfahren, wie es sich anfühlte, als sich die unterschiedlichen Vertreter der europäischen Länder nach den Verbrechen der Nazis in Deutschland wieder freundschaftlich die Hände reichten. "Freunde schießen nicht aufeinander", sagt sie und viele Abgeordnete applaudieren, selbst jene von den Parteien, die ihre Kandidatur nicht unterstützen.

Es sind Sätze wie diese, mit denen von der Leyen insbesondere auch die Abgeordneten der Sozialdemokraten und der Liberalen von sich überzeugen möchte. Sie sagt, sie werde mehr gegen Gewalt gegen Frauen tun, keine Kompromisse eingehen, wenn es um die Rechtsstaatlichkeit der EU geht, und "einen grünen Deal vorschlagen". Selbstbewusst verspricht sie, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Das klingt gut, so gut, dass selbst die Abgeordneten der Grünen klatschen.

Und dann spricht sie noch von einem Mann. 19 Jahre sei er alt gewesen, aus Syrien geflüchtet, als er sie, Ursula von der Leyen, vor vier Jahren in Deutschland kennenlernte. Die Politikerin nennt nicht seinen Namen, aber sie berichtet, wie stolz sie auf ihn sei. Nachdem ihre Familie ihn 2015 bei sich zu Hause aufgenommen hatte, habe er Deutsch und Englisch gelernt, einen Job gefunden und sich in die deutsche Gesellschaft integriert. Nach seinen Erfahrungen in der EU wolle er irgendwann wieder zurück in sein Heimatland nach Syrien gehen, erzählt von der Leyen – und zeigt so, wie eng ihr eigenes Leben mit der vielleicht größten europäischen Frage derzeit verbunden ist: der Frage, wie Europa einen guten Umgang mit den Flüchtlingen finden kann.

Von der Leyen spielt "Wünsch Dir was"

Die Flüchtlingspolitik und die Dublin-Regeln müssten reformiert werden, sagt sie. Und verspricht, genau das umzusetzen. Phasenweise wirkt es so, als rede hier eine Frau, die ihren lange ersehnten Traumjob antreten will. Vergessen scheint es, dass sie vor drei Wochen selbst noch nicht wusste, dass das Amt der Kommissionspräsidentin ihres werden könnte.

374 Stimmen braucht sie um 18 Uhr von den Abgeordneten des Parlaments. Damit das klappt, kommt sie zum Ende ihrer Rede noch zu den drei wichtigsten Punkten ihrer Agenda. Erstens will sie ab 2020 eine "Konferenz über die Zukunft der EU" zwei Jahre lang für alle Europäer organisieren. Zweitens will sie das Wahlsystem reformieren, transnationale Wahllisten sowie das Spitzenkandidatenprinzip neu einführen. Und drittens will sie dem Parlament das Vorschlagsrecht für neue Gesetze einräumen.

Viel mehr geht nicht. Viel mehr kann man kaum versprechen – und das ist auch schon der größte Makel, der ihrem Auftritt anhaftet. Es ist ein bisschen Wünsch Dir was, was ihr Publikum hören will, bekommt es auch. Kaum vorstellbar, dass dieser Rundumschlag, den von der Leyen präsentiert, auch tatsächlich so umgesetzt werden kann. Und doch. Selbst der Grünenabgeordnete Sven Giegold sagt direkt im Anschluss: "Die Rede war gut." Scheint so, als hätte Ursula von der Leyen die eine Chance, die sie hatte, genutzt. Es war eine fast perfekte Rede.