Seit dem Wahlsieg von Donald Trump wird in den USA wieder viel über ethnische Identitäten und Geschlechter diskutiert. Während Trumps Wähler überdurchschnittlich oft weiß und männlich sind, wählen Frauen und Minderheiten eher demokratisch. Der Literaturwissenschaftler Walter Benn Michaels gilt als profilierter Kritiker der sogenannten Identitätspolitik, bei der die Interessen von bestimmten ethnischen Gruppen oder Geschlechtern im Mittelpunkt stehen. Statt nur für mehr Repräsentanz von Schwarzen, Schwulen oder Frauen quer durch alle Schichten wirbt Michaels dafür, den Kapitalismus stärker zu bekämpfen. ZEIT ONLINE hat den Publizisten zum Interview in einer Hotelbar nahe des Central Parks in Manhattan getroffen. 

ZEIT ONLINE: Noch nie war das Bewerberfeld so bunt wie im aktuellen Kampf um die Nominierung eines Demokraten oder einer Demokratin für die kommende Präsidentschaftswahl. Es gibt schwule und dunkelhäutige Kandidaten, ein Viertel ist weiblich. Das kommt in den US-Medien und liberalen Großstädten gut an. Sie dagegen gelten als Kritiker einer politischen Fokussierung auf Diversity.

Walter Benn Michaels: Zunächst einmal finde ich es gut, dass die Demokraten mit diesem Bewerberfeld klarmachen, dass sie sich gegen jede Form von Diskriminierung wenden. Aber mir missfällt, dass die Klassenzugehörigkeit der Kandidaten nicht genügend thematisiert wird. Die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris ist dafür ein gutes Beispiel.

ZEIT ONLINE: Harris ist schwarz und hat vergangene Woche in einer TV-Debatte ihren Mitbewerber Joe Biden angegriffen, weil dieser sich in den Siebzigerjahren nicht entschieden genug für den Abbau der Rassentrennung in Schulen eingesetzt hat.

Michaels: Womit sie auch vollkommen recht hat. Doch obwohl Harris sicherlich von der Antidiskriminierungspolitik profitiert hat, spielt sie die Tatsache herunter, dass ihre Eltern Wissenschaftler und damit auf dem besten Weg in die obere Mittelschicht waren. Indem sie ihre Ethnie betont, versucht sie sich als Fürsprecherin der Schwarzen zu positionieren. Dabei spiegelt sie als Akademikertochter höchstens die Interessen der aufstrebenden schwarzen Mittelschicht wieder. Ein Großteil der Amerikaner gehört dieser Schicht aber nicht an. 

ZEIT ONLINE: Harris bezeichnete sich als "die einzige schwarze Person auf dem Podium".

Michaels: Das heißt aber noch lange nicht, dass sie für alle Schwarzen spricht. Afroamerikanische Amerikaner sind genauso wenig ein monolithischer Block wie weiße, es gibt unter ihnen die gleichen Klassenunterschiede. Genauso wie ich als relativ reicher alter Universitätsprofessor nicht automatisch arme weiße Arbeiter repräsentiere, nur weil ich zufällig die gleiche Hautfarbe habe, repräsentiert auch Harris nicht die ökonomischen Interessen aller schwarzen US-Amerikaner. Das ist das Problem mit Diversity: Man geht davon aus, dass es allen Schwarzen automatisch hilft, wenn sie an Universitäten oder in der Politik repräsentiert sind. Aber das ist nicht der Fall. Dass auch ein paar Schwarze in Harvard studieren, hilft den meisten Afroamerikanern genauso wenig, wie es Weißen hilft, wenn Angehörige ihrer Gruppe nach Harvard gehen. Es macht für deren materielle Lebensverhältnisse keinen Unterschied.

ZEIT ONLINE: Ihr Buch zu diesem Thema trägt den Untertitel: Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren. Aber der Kampf um die Anerkennung von Minderheiten schließt doch den Kampf gegen soziale Ungleichheit nicht aus. 

Michaels: Aber er verschiebt den Fokus. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: In den USA brauchen wir immer mehr Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger – das ist aber kein hoch komplizierter Zukunftsjob, für den man an einer Eliteuniversität studiert haben müsste. Diese Menschen verdienen 24.000 Dollar im Jahr, davon kann man kaum leben. 70 Prozent dieser Arbeitskräfte sind Frauen, davon ein Großteil nicht-weiß. Viele haben keine höhere Bildung. Und mit diesen zu Hungerlöhnen Angestellten erwirtschaften die Gesundheitsunternehmen Milliardengewinne. Die Diversity-Lösung für dieses Problem wäre, es den dunkelhäutigen Frauen möglich zu machen, diesen Jobs zu entkommen. Das große Ziel wäre, dass sie die gleiche Chance bekommen, Ärzte zu werden, wie sie zum Beispiel weiße Männer haben. Das Problem ist nur: Die Gewinne der Gesundheitsindustrie würden genauso hoch ausfallen, weil die miserablen Jobs genau so miserabel blieben wie zuvor. Aus meiner Sicht sähe eine wirkliche Lösung des Problems so aus: dass man nicht nur dafür sorgt, dass jeder theoretisch die Option hat, Arzt zu werden. Sondern man würde auch dafür sorgen, dass Krankenpfleger nicht so viel schlechter bezahlt werden als Ärzte. Man müsste dafür die Profite der Konzerne umverteilen.

ZEIT ONLINE: Aber es wäre doch schon mal ein Fortschritt, wenn Minderheiten größere Chance hätten, an bessere Jobs zu kommen.

Michaels: Finden Sie? An der gesellschaftlichen Spaltung würde sich doch absolut nichts ändern. Der neoliberale Traum ist, dass das in punkto Reichtum obere Prozent der Bevölkerung genauso divers ist wie die restlichen 99 Prozent, damit niemand seine ökonomische Situation mehr auf Diskriminierung schieben kann. Dann können die Reichen nämlich behaupten, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft verdient habe. Bei Diversity-Bestrebungen geht es nicht in erster Linie darum, Ungleichheiten zu minimieren, sondern sie zu rechtfertigen.