ZEIT ONLINE: Selbst in einer Welt ohne Ungleichheit gäbe es noch Rassismus, oder?

Michaels: Aber die ökonomischen Konsequenzen wären wesentlich geringer. Man muss die Ursache für die Ungleichheit beseitigen. Und diese Ursache ist eben nicht in erster Linie Diskriminierung, sondern der Kapitalismus und die ungerechte Verteilung von Reichtum.

ZEIT ONLINE: Der bekannte dunkelhäutige Journalist Ta-Nehisi Coates schreibt, dass der Wohlstandsunterschied zwischen Schwarzen und Weißen das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung der Schwarzen sei. 

Michaels: Wenn wirklich ausschließlich Rassismus und nicht Kapitalismus diesen Reichtumsunterschied erklärt – woher kommt dann der Wohlstandsunterschied unter Weißen? Die obersten zehn Prozent der weißen Amerikaner besitzen das allermeiste Geld. Die unteren 30 Prozent der weißen US-Bevölkerung haben dagegen keinerlei Vermögen. Diese Menschen sind keine Rassismusopfer. Sie sind arm, weil der Kapitalismus diese Ungleichheiten erzeugt. 

ZEIT ONLINE: Und dennoch machen zahlreiche weiße Trump-Wähler laut Umfragen eher Diskriminierung für ihre Misere verantwortlich, als das herrschende Wirtschaftssystem. Konservative weiße Männer betrachten sich mittlerweile ebenfalls als eine Art verfolgte Minderheit. 

Michaels: Diese Annahme ist natürlich absoluter Nonsens und zeigt, dass offenbar niemand mehr eine Ahnung davon hat, wie man wirklich soziale Gerechtigkeit herstellen kann. 

ZEIT ONLINE: Wie kann denn ein Kampf gegen Rassismus aussehen, der die Klassenverhältnisse stärker einbezieht?

Michaels: Jeder Kampf gegen Diskriminierung muss klar eingebettet sein in einen Klassenkampf mit universellen Forderungen. Nehmen wir das Beispiel Krankenversicherung. Es wird derzeit viel über die Benachteiligung von Schwarzen im Gesundheitssektor diskutiert. Aber kann es wirklich unser Ziel sein, dass Afroamerikaner einfach genauso von dem renditegetriebenen System betrogen werden wie weiße Amerikaner? Oder wollen wir nicht lieber die profitgetriebenen privaten Versicherungen durch eine allgemeine Krankenversicherung (Medicare for all) ersetzen und so sicherstellen, dass alle die Hilfe bekommen, die sie benötigen? Kamala Harris ist übrigens gegen die Abschaffung privater Krankenkassen und auch sonst keine wirklich linke Kandidatin. Wir müssen universelle Forderungen erheben. Natürlich würden Schwarze von Medicare for all viel stärker profitieren als Weiße, aber eben auch alle anderen Armen. Das ist Klassenpolitik.