An der Grenzlinie zwischen dem indischen und dem pakistanischen Teil der Region Kaschmir haben sich Soldaten beider Länder am Samstag gegenseitig beschossen. Dabei soll ein indischer Soldat getötet worden sein. Ein hochrangiger Regierungsvertreter aus Neu-Delhi sagte, der "schwere" Schusswechsel dauere noch an. Pakistan hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert.

Kaschmir ist seit der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien im Jahr 1947 geteilt. Sowohl Indien als auch Pakistan erheben jedoch Anspruch auf die ganze Region. 1947, 1965 und 1999 eskalierte der Streit zu Kriegen zwischen den beiden Staaten. Immer wieder kommt es seitdem zu teils gewaltsamen Zusammenstößen im Grenzgebiet.

Konfliktregion Kaschmir

© ZEIT-Grafik

In der vergangenen Woche hatte die Regierung in Neu-Delhi dem indischen Teil der Region ihren Sonderstatus aberkannt. Damit verliert der indische Teil Kaschmirs seine Autonomierechte. Bisher hatte die Region unter anderem eine eigene Verfassung und weitgehende politische Kompetenzen. Auch soll sie vom angrenzenden Gebiet Jammu, mit dem sie bisher zu einem Bundesstaat gehörte, getrennt werden. Beide Gebiete sollen der unmittelbaren Kontrolle der Regierung in Neu-Delhi unterstellt werden.

Kaschmir ist die einzige Region Indiens mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Um deren Proteste zu unterbinden, hatte die Regierung nach Aberkennung der Autonomierechte Zehntausende Soldaten in die Region geschickt. Auch eine Ausgangssperre ist verhängt, die Telefon- und Internetverbindungen gekappt worden. Am Freitag kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Sicherheitskräfte haben dabei Tränengas und kleinteilige Munition eingesetzt. In der vergangenen Woche sind nach Angaben der pakistanischen Armee vier ihrer Soldaten durch Beschuss aus Indien getötet worden.

Ausgangssperre soll wieder aufgehoben werden

Kurze Zeit vor dem Schusswechsel zwischen den Soldaten beider Länder hat die indische Regierung die Blockade von Telefon und Internet teilweise aufgehoben. 17 von 100 Festnetzzentralen um die Stadt Srinagar im Kaschmirtal seien wieder im Betrieb, teilte Regierungssprecher Rohit Kansal mit. Mobilfunk und Internet blieben dort allerdings beschränkt, während sie in anderen Teilen von Kaschmir und Jammu wieder funktionierten. Das Kaschmirtal gilt als Hauptstätte der muslimischen Proteste. 

Auch die Ausgangssperre soll in den kommenden Tagen aufgehoben werden. Nach Berichten des Senders NDTV sagte das ein Staatsanwalt, der die Interessen der indischen Regierung vertritt, dem obersten Gericht des Landes. In der kommenden Woche soll auch der Schulbetrieb wieder beginnen, einzelne Behörden öffneten bereits am Freitag wieder. Nach Angaben von Verwaltungsbeamten fahren in manchen Regionen wieder Busse, die Bewegungsfreiheit werde bereits Stück für Stück wiederhergestellt.

Pakistan und China beschuldigen Indien

Am Freitag hat US-Präsident Donald Trump mit Pakistans Premierminister Imran Khan telefoniert und ihn dazu aufgerufen, das Gespräch mit Indien zu suchen. Bei einem Besuch im Weißen Haus im Juli hatte Trump angeboten, im Konflikt zwischen den beiden Staaten zu vermitteln, was Indien aber ablehnte.

Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat sich zu Beratungen über den Konflikt getroffen. China hatte das Thema auf die Tagesordnung gebracht. Das Land ist indirekt von dem Konflikt betroffen, da ein kleiner Teil Kaschmirs zu China gehört. 

China hat der indischen Regierung die Schuld am Wiederaufflammen der Spannungen gegeben. "Was betont werden sollte, ist, dass Indiens Handlungen auch Chinas Souveränität infrage gestellt und ein bilaterales Abkommen verletzt haben", sagte der chinesische UN-Botschafter Zhang Jun am Freitag nach der Sitzung des Sicherheitsrats. Frieden und Stabilität in der Grenzregion seien ernsthaft gefährdet.

Khan zeigte sich erfreut über die Verhandlungen. Erstmals seit 50 Jahren hätten sich die Spitzendiplomaten der Welt dieses Themas angenommen und über die ernste Lage in dem "besetzten Jammu und Kaschmir" beraten, twitterte der pakistanische Regierungschef am Samstag. Khan sagte, die Sitzung habe elf frühere Resolutionen des Sicherheitsrats bestätigt, nach denen Kaschmir das Recht zur Selbstbestimmung habe. Der indische UN-Botschafter Syed Akbaruddin betonte dagegen, dass es sich um eine interne Angelegenheit Indiens handle, die mit den Nachbarstaaten nichts zu tun habe.

Sowohl Indien als auch Pakistan sind Atommächte. 1999 hatte Indien sich dazu verpflichtet, nicht als erster Staat Atomwaffen einzusetzen. Pakistan hatte eine solche Erklärung nicht abgegeben. Der indische Verteidigungsminister Rajnath Singh hat kürzlich angedeutet, dass Indien diese Selbstverpflichtung aufgeben könnte. "Indien hat sich streng an diese Doktrin gehalten. Was in der Zukunft passiert, kommt auf die Umstände an", schrieb er bei Twitter.