Trotz der mauen Zwischenbilanz gibt sich Jens Flosdorff, der Sprecher von der Leyens, gelassen. Viel mag er nicht sagen, außer "Wir sind optimistisch, das zu schaffen". Noch habe man einige Wochen Zeit, die Anhörungen der Kommission im EU-Parlament begännen erst in einem Monat. Natürlich sei es aber auch wichtig, dass die Qualifikation der jeweiligen Person und das Aufgabenportfolio zusammenpassten. 

Dass die Mitgliedsstaaten sich schwertun, Frauen für die Spitzenjobs in Brüssel zu nominieren, ist kein neues Phänomen. Für ihre Bewerbungsrede hatte von der Leyen durchgezählt: Seit 1958 habe die EU-Kommission 183 Mitglieder gehabt. Nur 35 seien Frauen gewesen, weniger als 20 Prozent.

Eine von ihnen war Michaele Schreyer, die erste EU-Kommissarin mit grünem Parteibuch, die von 1999 bis 2004 unter Präsident Romano Prodi den EU-Haushalt verantwortete. In der Prodi-Kommission waren fünf Frauen, in der darauffolgenden Kommission unter Manuel Barroso seien es bereits acht gewesen, unter Jean-Claude Juncker dann zehn. "Die Vorgabe einer 50 Prozent Frauenquote ist absolut richtig und auch erfüllbar", sagt Schreyer heute.

"Feministische Avantgarde"

Fragt sich nur, warum so viele Regierungen bislang nicht mitziehen. Für Schreyer ist das offensichtlich: "Ein wesentlicher Grund ist, dass die Nominierungen aus dem Kreis der Regierungsmitglieder oder des Regierungschefs selbst erfolgen – und die Regierungen der Mitgliedsstaaten völlig männlich dominiert sind." Von den 28 Staats- und Regierungschefs sind zurzeit gerade einmal drei Frauen: Angela Merkel aus Deutschland, Mette Frederiksen aus Dänemark und Brigitte Bierlein aus Österreich. Im Vergleich dazu waren die bisherigen EU-Kommissionen schon überproportional weiblich. Schreyer nennt sie gar eine "feministische Avantgarde".

Sie ist überzeugt, dass sich durch gezielte Personalentscheidungen der Frauenanteil geschickt erhöhen ließe. Ihr Ex-Chef Prodi habe etwa den wenigen nominierten Frauen eine Auswahl zwischen den Ressorts eingeräumt. "So mussten sich einige Männer mit den übriggebliebenen Posten begnügen." Für Schreyer, die studierte Ökonomin, war es damals etwa selbstverständlich, dass sie das einflussreiche Amt der Haushaltskommissarin übernahm. Money matters, sagt sie im Nachhinein. 

In der nächsten Amtsperiode wird es ähnlich sein: Klima, Wettbewerb, Haushalt, Energie und Wirtschaft gelten als einflussreiche und prestigeträchtige Ressorts. In den kommenden Wochen muss sich von der Leyen entscheiden, wie viele Frauen sie auf diese Spitzenjobs setzt. Und dann hat das letzte Wort das EU-Parlament. Es kann zwar nicht einzelne Kommissare ablehnen, aber es muss der Kommission als Ganzes zustimmen. Dabei wird es sicher auch darauf achten, ob von der Leyen ihr Versprechen erfüllt hat.