Nach dem Tod von vier ukrainischen Soldaten an der Grenze zu den Rebellengebieten im Osten des Landes hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin telefoniert. "Ich bitte Sie, auf die andere Seite einzuwirken, damit die Ermordung unserer Menschen beendet wird", habe er Putin gesagt, teilte Selenskyj Journalisten mit. Das Telefonat soll lange gedauert haben. Es war das zweite Mal, dass beide Staatschefs direkt miteinander gesprochen haben

Wie Putin auf seine Bitte reagiert hat, sagte Selenskyj nicht. Einer Verlautbarung des Kreml zufolge habe Putin wiederum den Beschuss von Wohngegenden durch das ukrainische Militär verurteilt. Damit schloss er sich der Darstellung der Separatisten an, die behaupteten, sie hätten nur das Feuer erwidert, nachdem Regierungssoldaten eine Schule beschossen hätten. 

Die Soldaten sind am Vortag bei einem Schusswechsel mit prorussischen Separatisten im Gebiet Donezk getötet worden. Momentan herrscht eine unbefristete Waffenruhe zwischen den Kriegsparteien, dennoch kommt es immer wieder zu Kämpfen.

Selenskyj will das Normandie-Format wiederbeleben

Selenskyj sagte, er sehe den Vorfall als einen Versuch, die ukrainischen Friedensbestrebungen zu untergraben. Nach eigenen Angaben will er noch am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kontaktieren, um ein gemeinsames Treffen mit Putin zu vereinbaren. "Ich möchte, dass das ungeachtet aller vorherigen diplomatischen Vereinbarungen stattfindet, damit wir auf menschliche Art miteinander umgehen und begreifen, dass das sehr wichtig ist", sagte der ukrainische Präsident. 

Selenskyj hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, er wolle sich um mehr Treffen im sogenannten Normandie-Format bemühen, in dem die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Russlands und der Ukraine bereits 2015 das Minsker Abkommen verhandelt hatten. Die Vereinbarung regelt Bedingungen für einen Waffenstillstand in der Ostukraine, die jedoch von keiner der beteiligten Parteien vollständig erfüllt wurden.   

Die Bundesregierung hat sich besorgt über den erneuten Ausbruch der Kämpfe in der Ostukraine geäußert. "Wir hoffen jetzt, dass es uns gelingt, das einzudämmen, die Situation friedlich zu halten und in Gespräche einzusteigen", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. 

Putin weist Verantwortung für die Separatisten von sich

In der Ostukraine herrscht seit 2014 ein lokal beschränkter Bürgerkrieg. Parallel zur Annexion der Krim durch Russland riefen Separatisten in den beiden Städten Donezk und Luhansk jeweils separate "Volksrepubliken" aus. Offiziell gibt es außer dem jeweils anderen Gebiet keinen Staat, der eines der Gebiete formal anerkennt. Vorwürfe, Russland unterstütze die Separatisten mit Waffen, Nachschub und Kämpfern, hat Putin stets abgewiesen. Seit 2014 sind UN-Schätzungen zufolge rund 13.000 Menschen in dem Konflikt getötet worden, mehrere Millionen Ukrainer sind ins Ausland oder den Westen des Landes geflohen.

Selenskyj ist Ende April zum Präsidenten der Ukraine gewählt worden. Der ehemalige Satiriker setzte sich mit über 70 Prozent Zustimmung gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko durch. Im Juli hat seine Partei Diener des Volkes als erste Partei in der Geschichte der Ukraine die Parlamentswahl mit absoluter Mehrheit gewonnen. Zu den zentralen Wahlversprechen Selenskyjs gehörte neben einer Bekämpfung der Korruption und Wirtschaftsreformen auch die Beendigung des Bürgerkrieges.