Im Osten wurde viel gewählt in diesem Jahr: Nach den Landtagswahlen Anfang September in Sachsen und Brandenburg, haben nun auch die Thüringer über ein neues Parlament abgestimmt. Entgegen der Befürchtung vieler ist die AfD aus keiner der drei Wahlen als stärkste Kraft hervorgegangen. Und doch hat sie in allen Bundesländern erhebliche Gewinne verzeichnet.
Worin liegen die Gründe für den Erfolg der AfD in Ostdeutschland? Das wollten wir vor der Wahl von Ihnen wissen. Liegen die Ursachen eher in der DDR-Vergangenheit? In der Zeit nach 1990? Oder sehen Sie gänzlich andere Gründe?
Aus den vielen Einsendungen, die uns erreicht haben, haben wir 50 ausgewählt und nach Herkunft und Alter sortiert. Selbstverständlich ist diese Auswahl nicht repräsentativ. Wir haben uns jedoch darum bemüht, dem Spektrum der Einsendungen, die uns erreicht haben, gerecht zu werden. Auffällig ist, dass es zwischen Ost und West keine signifikanten Unterschiede gibt: Oftmals ähneln sich die Argumentationen und sind auf den ersten Blick nicht eindeutig der Herkunft aus einem neuen oder alten Bundesland zuzuordnen. Während jüngere Leserinnen sich öfter auf die Nachwendezeit berufen, ist für die Älteren die DDR-Vergangenheit präsenter.
Die meisten Leserinnen betrachten die Entwicklungen in der Nachwendezeit als ausschlaggebend für das heutige politische Klima in Ostdeutschland: Die Politik der Treuhand und das Gefühl, von den Westdeutschen quasi annektiert worden zu sein, hätten bei vielen Bürgerinnen Frustration verursacht. "Die Westdeutschen haben uns alles übergestülpt", schreibt eine anonyme Leserin.
Viele Leser vermuten auch in der enttäuschten Hoffnung auf allgemeinen Wohlstand einen Grund für die grassierende Unzufriedenheit. Schließlich sei auch 30 Jahre nach der Wende der Lohnunterschied zwischen Ost und West eklatant. Interessant ist, dass vor allem ostdeutsche Leser unter 30 ihren Unmut über eine unzureichende Infrastruktur beschreiben. "Man kann im Osten weder alt noch jung sein", schreibt ein Leser. Es mangele an ärztlicher Versorgung, öffentlichem Nahverkehr und Bildungseinrichtungen.
Doch auch die DDR-Vergangenheit wird für den Erfolg der AfD verantwortlich gemacht: "Mir ist nach der Wende bei vielen Ostdeutschen eine gewisse Akzeptanz für autoritäre Haltungen aufgefallen", schreibt ein Leser aus Süddeutschland. Andere sehen in der Erfahrung der damaligen Mangelwirtschaft die Ursache für eine bis heute existierende Angst, dass es nicht für alle reichen könne. "Diese begrenzte Sicht vieler in der DDR aufgewachsener Menschen löst sich durch Grenzöffnungen nicht einfach auf", schreibt eine Leserin aus Sachsen.
Auffällig ist, dass viele Leserinnen darauf hinweisen, dass die neu gewonnene Freiheit auch zu Verunsicherung geführt habe. Die AfD, so deuten es viele, wisse geschickt damit umzugehen.
In vielen Zuschriften wird eine Kontinuität von rechtsextremem Gedankengut angedeutet: Da man sich in der DDR als sozialistischem Staat gewissermaßen auf der Seite der Sieger gefühlt habe, sei die Auseinandersetzung mit der persönlichen Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen ausgeblieben. Diese fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bilde den Nährboden für eine rechtspopulistische Partei wie die AfD. Vor allem jüngere Leser betrachten rassistische und nationalistische Einstellungen als geradezu konstitutiv für manche Regionen Ostdeutschlands.