Wie Drohnen die Kriegsführung verändern – Seite 1

Die Attacke kommt unerwartet und trifft Saudi-Arabien in sein industrielles Herz. Mit bis zu 19 Drohnen treffen Angreifer eine wichtige Ölraffinerie in Abkaik und ein Ölfeld bei Khurais. Die Flieger sind mit Sprengstoff präpariert. Brände breiten sich aus, tiefschwarzer Rauch steigt auf, die Bilder gehen um die Welt. Die Huthi-Miliz aus dem Jemen reklamiert die Anschläge für sich. Sie kämpft gegen die jemenitische Zentralregierung, die von Saudi-Arabien unterstützt wird. Beweise dafür, dass sie die Drohnen in die Luft steigen lassen hat, legt die Miliz nicht vor. Unklar bleibt auch, wie viele Drohnen insgesamt starteten und ob auch Mittelstreckenraketen in den Angriff eingebunden waren. Klar ist aber, dass die Luftschläge vor zwei Wochen gravierende Folgen hatten: Die Ölproduktion des Landes ging um die Hälfte zurück, der Ölpreis stieg, der Konflikt zwischen den USA und Iran verschärfte sich und Volkswirtschaftler warnten bei erneuten Attacken vor Auswirkungen auf die Weltkonjunktur.

Die Angriffe haben zudem eine große Aufregung hinterlassen: Wie sicher kann die Weltgemeinschaft noch sein, wenn selbst Milizen wie die Huthis in der Lage sind, derartige Terroranschläge zu verüben? Saudi-Arabien wurde durch die Angriffe bloßgestellt. Schließlich hatte die Regierung in Riad in den vergangenen Jahren viel Geld in die Verteidigung des Landes investiert. Doch gegen die bewaffneten Drohnen hatte diese keine Chance. Die Luftschläge haben einmal mehr gezeigt, dass solche unbemannten Flieger die moderne Kriegsführung bereits verändert haben. Und dass durch Drohnen nicht staatliche Akteure immer häufiger in der Lage sein werden, eine ernst zu nehmende Gefahr für souveräne Staaten oder ihre Streitkräfte zu sein.

Der Krieg von heute ist asymmetrisch

Sicherheitsexperten warnen bereits seit Jahren vor der zunehmenden Gefahr. In jüngster Zeit hat es auch mehrere Vorfälle gegeben. Im Januar 2018 berichteten etwa russische Militärs, dass ihre wichtigste Luftwaffenbasis in Syrien, Hmeimim in der nordwestlichen Latakia-Provinz, Angriffen eines Schwarms aus einfachen Drohnen ausgesetzt war. Zudem wurde eine russische Marinebasis bei Tartus mit Drohnen attackiert. Die Russen teilten mit, dass sie sieben Drohnen abgeschossen und sechs weitere mit elektronischen Störsignalen abgefangen hätten. Sie untersuchten die Objekte und veröffentlichten ein Bild von einer zur Landung gebrachten Drohne. Der Flieger war keine komplexe Konstruktion, im Gegenteil: Die Drohne bestand aus Holz, die Sprengstoff trug. So sieht die neue Waffe des "kleinen Mannes" im asymmetrischen Krieg von heute aus.

Auch das US-Militär wurde mit ähnlichen Minifliegern anvisiert. Es beschuldigt Terroristen des sogenannten "Islamischen Staates" (IS). Die Attacken mit bewaffneten Drohnen gegen ihre Truppen in Syrien und Irak seien aber ohne schwerwiegende Auswirkungen geblieben. Auch israelische Medien berichteten von Einsätzen der Unbemannten gegen Sicherheitskräfte des Landes; demnach würden auch die schiitische Hisbollah im Libanon und palästinensische Gruppen über Drohnen verfügen.

Wenn bislang von Kampfdrohnen die Rede war, steckten in der Regel Angriffe des US-Geheimdienstes CIA und der US-Air-Force dahinter. Zum Einsatz kamen dabei ihre MQ-1 Predator und MQ-9 Reaper. Mit diesen Kampfdrohnen, die Raketen und Bomben tragen können, eliminierten die US-Einheiten zahlreiche Terrorverdächtige, töteten aber auch viele Zivilisten. Auch Israel setzt im Kampf gegen Extremisten unbemannte Flugzeuge ein – vom Typ Heron TP. Die Bundeswehr hat dieses Modell in Israel geleast und lässt sie in Afghanistan aufsteigen – allerdings noch unbewaffnet.

Inzwischen verfügen auch Terroristen über Kampfflieger – wenn auch über weit primitivere Modelle. Sie lassen sich nicht über Satelliten steuern und weltweit einsetzen. Doch sie erzielen eine psychologische Wirkung, was die Luftschläge in Saudi-Arabien beweisen. Zudem hat der Angriff mit mehreren Drohnen auf die Erdölanlage gezeigt, dass nicht staatliche Gruppen mittlerweile ferngesteuerte Miniflugzeuge zu breit angelegten Attacken verwenden können. Dass sie Drohnen nun auch für eine Schwarmattacke nutzen, ist ein neues Vorgehen.

Von diesem Krieg profitiert besonders die Rüstungsindustrie

Eine US-Drohne vom Typ MQ-9 Reaper © Isaac Brekken/​Getty Images

Saudi-Arabien hat seinem Erzfeind Iran vorgeworfen, die Huthis ausgerüstet zu haben und somit für die Attacke aus der Luft verantwortlich zu sein. Auch Deutschland unterstützt diese Sicht, selbst wenn dafür konkrete Beweise fehlen. Offensichtlich ist aber, dass Rebellen und Terroristen kaum noch die Hilfe von ihnen wohlgesonnenen Staaten brauchen, um in den Besitz von größeren, leichten und exakt steuerbaren Drohnen zu kommen.

Solche unbemannten Flugobjekte, die mit Kameras oder auch mit Sprengstoff beladen werden und dennoch viele Kilometer bewältigen können, lassen sich bereits mit aus dem Internet bestellten Teilen montieren. Zudem können Drohnen, die Nutzlasten tragen und größere Strecken bewältigen, legal erworben werden. Die kommerzielle Verfügbarkeit solcher Flieger hat nicht nur Folgen für die Sicherheit in unruhigen Regionen wie dem Nahen Osten.

"Eine wachsende Zahl von Akteuren ist in der Lage, Flugkörper als Waffe zu nutzen", stellen Christian Mölling und Torben Schütz vom Thinktank Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in einem Gastbeitrag in der FAZ fest. "Neben militärischen Zielen rücken auch kritische zivile Infrastrukturen ins Fadenkreuz. Die Angreifer können zudem unerkannt bleiben." Das Urteil der Experten: Europa ist auf Angriffe mit Drohnen mangelhaft vorbereitet.

Kleine Drohnen abschießen ist leichter, als sie zu enttarnen

Die Abwehr solcher Angriffe ist komplex – und für die Rüstungsindustrie ein lukrativer Markt. Zahlreiche Hersteller bieten mittlerweile Drohnenabwehrsysteme an: Sie arbeiten mit Laserwaffen, Schrotgeschossen oder mit Jagddrohnen, die mit Netzen versuchen, andere Flieger zu fangen. Auch Störsender, sogenannte Jammer kommen zum Einsatz, die den Funkkontakt zwischen Drohne und Piloten am Boden trennen und den Flieger zur Landung zwingen. Wenn der Angreifer aber viele unbemannte Flieger gleichzeitig einsetzt, die für Kamikazeattacken vorgesehen sind und ohnehin die Mission nicht überstehen sollen, können viele Abwehrsysteme geschlagen werden: Sie sind schlicht nicht dafür ausgelegt, mehrere Flugobjekte gleichzeitig zu bekämpfen.

Ein anderes Problem ist, dass es ohnehin leichter ist, kleine Drohnen abzuschießen als sie zu erkennen. Auf dem Radar sind Drohnen wegen ihrer geringen Größe nicht zu sehen. Die Flieger werden im Gegensatz zu Verkehrsflugzeugen nicht von der Flugsicherung kontrolliert und haben somit auch keine individuelle Kennung. Und wenn Drohnen doch mal erfasst werden, dauert es sehr lange, bis sie als gefährliches Objekt erkannt werden. Denn zumindest in Asien, Europa und Nordamerika ist der Luftraum stark beflogen, dort tummeln sich Flugzeuge, Helikopter und zivile Drohnen in der Luft.

Um dieses Problem zu lösen, haben die Deutsche Flugsicherung (DFS) und Rheinmetall, Deutschlands größter Rüstungskonzern, gemeinsam eine Methode präsentiert, mit der Drohnen erkannt und auch bekämpft werden können. Demnach lassen sich mit militärischen Sensoren wie Nahbereichsradar und Infrarot, die Rheinmetall entwickelt, auch kleine Drohnen orten. Wenn das Luftlagebild mit den Daten der DFS über den Flugverkehr verglichen wird, lasse sich das "schwarze Schaf" am Himmel erkennen, teilt der Rüstungskonzern mit. Weiter heißt es: "Mit den hochsensiblen militärischen Sensoren von Rheinmetall, die wie ein superscharfes Fernrohr auf das Objekt gerichtet werden, können zunächst weitere Informationen gewonnen werden – zum Beispiel, ob die Drohne eine bedrohliche Fracht, etwa Sprengstoff, mit sich trägt."

Das beste Abwehrsystem hat Israel

Das weltweit modernste Abwehrsystem kommt aus Israel. Das Iron-Dome-System gilt als äußerst effizient und fängt seit Jahren feindliche Geschosse ab, die von radikalen Gruppen aus den Palästinensergebieten und dem Libanon auf Israel abgefeuert werden. Es kann auch Drohnen stoppen. Entwickelt wurde es vom israelischen Unternehmen Rafael und dem Rüstungsriesen Raytheon aus den USA. Das US-Militär hat zwei Iron-Dome-Batterien beschafft, jede kann bis zu vier Starter steuern, die jeweils mit 40 Raketen bestückt sind. 2020 sollen sie ausgeliefert werden. Die Vereinigten Staaten haben bereits mehrere Hundert Millionen Euro in das System investiert, um Israel zu unterstützen und das System zu erproben.

Die Technik könnte bald auch Ölraffinerien in Saudi-Arabien schützen. Die US-Regierung hat ihren Verbündeten am Golf schon zugesagt, das Land bei der Abwehr von Gefahren aus der Luft zu unterstützen – vielleicht kommt dann auch der Iron Dome zum Einsatz. Allerdings dürften auch die Gegner Saudi-Arabiens weiter aufrüsten und ihre Drohnen stetig verbessern. Es ist schließlich eine günstige und hocheffektive Waffe. Das haben die rauchenden Trümmer in der arabischen Wüste gezeigt, aber auch die Aufregung, die seit dem Drohnenangriff herrscht.