Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat Europa erneut gedroht: Wenn sein Land nicht mehr Unterstützung für die syrischen Flüchtlinge bekomme, würde er die Grenzen Richtung Europa wieder öffnen. "Was die Lastenteilung der Flüchtlinge angeht, die wir als Gäste aufgenommen haben, haben wir von der Welt, und allen voran von der Europäischen Union, nicht die nötige Unterstützung erhalten", sagte er bei einer Rede vor Provinzvorstehern in Ankara.

Die EU-Kommission drängt hingegen angesichts gestiegener Flüchtlingszahlen auf den griechischen Inseln zu mehr Rückführungen in die Türkei

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland Syrien 2011 rund 3,6 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Das sind mehr als jedes andere Land der Welt. Die von Willkommenskultur geprägte Stimmung hatte sich jüngst aber gedreht, vor allem wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage. 

Die EU hat mit der Türkei im März 2016 ein Abkommen getroffen, nach dem die Türkei die Flucht in Richtung Europa auf dem See- und Landweg eindämmen soll. Dafür zahlt die EU ihr im Gegenzug über mehrere Jahre hinweg verteilt sechs Milliarden Euro für die Versorgung von Geflüchteten aus Syrien. Erdoğan aber wirft der EU nun vor, ihre Zusagen nicht einzuhalten. Die Türkei habe 40 Milliarden Dollar (36,3 Milliarden Euro) für Flüchtlinge ausgegeben, von der EU aber bislang nur drei Milliarden Euro erhalten, sagte der türkische Staatschef. Es ist nicht das erste Mal, dass er diesen Vorwurf erhebt.

EU-Sprecherin Natasha Bertaud wies die Vorwürfe zurück. Sie sagte, die EU vertraue darauf, dass sie die Kooperation mit der Türkei fortsetzen könne. Die Union leiste "substanzielle Unterstützung" für die dort lebenden Flüchtlinge. Die EU habe bereits 5,6 der vereinbarten sechs Milliarden Euro bereitgestellt. Der Rest folge in Kürze, sagte Bertaud.

Aus Sicht der EU kommen offenbar immer noch zu viele Geflüchtete aus der Türkei nach Europa. In einem aktuellen vertraulichen Bericht der EU-Kommission zur Entwicklung der Migration werde Griechenland daher zu mehr Rückführungen in die Türkei aufgefordert. Erst am Mittwoch war es im überfüllten Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zu gewalttätigen Unruhen gekommen.

Erdoğan beharrt auf vereinbarter Pufferzone in Nordsyrien

Der türkische Präsident warnte vor einer Überlastung seines Landes durch die Aufnahme von immer mehr Flüchtlingen. Wenn die mit den USA vereinbarte Sicherheitszone in Nordsyrien nicht umgesetzt werde, "werden wir gezwungen sein, die Türen zu öffnen", sagte er. Ziel seiner Regierung sei es, "mindestens eine Million" der syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge in der Türkei in der Zone anzusiedeln.

Die USA hatten Anfang August mit der Türkei die Schaffung einer Sicherheitszone entlang der türkischen Grenze zu den Kurdengebieten in Nordsyrien vereinbart, um den Bedenken der Türkei Rechnung zu tragen. Die Region wird von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert, die Ankara als syrischen Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sieht. In Deutschland ist die PKK als ausländische Terrororganisation eingestuft und verboten.

Die USA unterstützten die YPG im Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat" in Syrien. Erdoğan warnte nun, wenn es keine Fortschritte gebe, werde die Türkei die Sicherheitszone "in der letzten Septemberwoche auf ihre eigene Weise" umsetzen.