Für eine Großstadt reicht der Mindestlohn nicht – Seite 1

Ein bärtiger junger Mann lehnt sich an die Rückseite eines Sportwagens, der Motor qualmt, seine Turnschuhe blitzen hervor. Über ihm steht "500 PS. Im Kopf. Ist das noch Handwerk?" geschrieben. Plakatmotive wie diese hat der Deutsche Handwerkskammertag (DHKT) überall in Deutschland aufhängen lassen. Das Ziel ist klar: Ausbildungen sollen cooler, hipper, attraktiver werden.

Den Berufsverbänden ist der Ernst der Lage bewusst, viele Unternehmen haben große Probleme, Ausbildungsplätze zu besetzen. In jeder dritten Firma bleiben Stellen unbesetzt, wie der diesjährige Ausbildungsreport der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeigt. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 58.000 offene Ausbildungsplätze. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl verdreifacht. Der Fachkräftemangel könnte sich dadurch weiter verschärfen. Bald gehen die Babyboomer in Rente und der Nachwuchs fehlt. Und eine Befragung bei Neunt- und Zehntklässlern an allgemeinbildenden Schulen zeigt: Immer weniger junge Menschen können sich vorstellen, eine Ausbildung zu beginnen und bevorzugen stattdessen ein Studium.

Auch der Bundestag hat den Handlungsbedarf erkannt und heute ein neues Berufsausbildungsgesetz verabschiedet. Bildungsministerin Anja Karliczek hat 2019 zum "Jahr der Berufsausbildung" ausgerufen und sprach im Bundestag von einem "Herzensanliegen". Das neue Gesetz soll Ausbildungen attraktiver machen, einen Mindestlohn einführen, die Meisterpflicht zurückbringen und Teilzeitausbildungen ermöglichen. Doch wie wirksam sind diese Maßnahmen?

Der erste Mindestlohn für Auszubildende

Erstmals soll eine Mindestausbildungsvergütung eingeführt werden, also ein Mindestlohn für Auszubildende. Dieser beträgt ab dem kommenden Jahr 515 Euro pro Monat und soll schrittweise bis 2023 auf 620 Euro angehoben werden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht von einem "guten ersten Schritt", hätte sich aber mehr gewünscht. Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung für Bildungspolitik beim Gewerkschaftsbund, verweist auf den erzielten Kompromiss.

Doch dieser dürfte nicht reichen, um junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Bei steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten wird sich davon besonders in Großstädten kein Lehrling das Leben finanzieren können. Linke und Grüne forderten im Bundestag eine Entlohnung von 80 Prozent des jeweiligen Tariflohns. Davon ist der Regierungsentwurf weit entfernt.

Die Folge: Der neue Azubimindestlohn wird nur wenige Bäcker, Mechatronikerinnen oder Friseure besserstellen – rund 115.000. Die Opposition spricht von drei Prozent aller Auszubildenden, der DGB von langfristig "circa zehn Prozent". Alle anderen Lehrlinge verdienen heute schon mehr oder sind noch an Tarife gebunden, die weniger vorsehen und den Mindestlohn künftig unterlaufen. "Doch das ändert sich, wenn diese Verträge auslaufen. Dann greift automatisch die neue Mindestvergütung", sagt Anbuhl. Die neue Mindestausbildungsvergütung wird daher Mindeststandards setzen und Dumping und Ausbeutung verhindern, aber keinen großen Effekt auf den Fachkräftemangel haben.

Eine Maßnahme, die Ausbildungen hingegen attraktiver machen wird, ist die gesetzliche Freistellung für Berufsschüler. Bisher mussten volljährige Zahnarzthelferinnen oder Handwerker auch vor oder nach einem langen Berufsschultag noch in den Betrieb – das ist künftig nicht legal. "Die Berufsschulzeit wird jetzt erstmals als Arbeitszeit berechnet", sagt Anbuhl. Zudem soll ein bezahlter Lerntag vor Prüfungen eingeführt werden. "Das wertet die Bedeutung der Berufsschule auf", sagt Anbuhl. Zusätzlich dazu will der Bund Teilzeitausbildungen ermöglichen. Ob das der hohen Zahl an Ausbildungsabbrechern entgegenwirken kann? Aktuell bricht jeder oder jede Vierte seine oder ihre Ausbildung ab. Zumindest dürfte die Maßnahme die Arbeitsbelastung senken und bessere schulische Leistungen ermöglichen.

Der Bäcker wird Bachelor

Zusätzlich zum Berufsausbildungsgesetz will Ministerin Karliczek Ausbildungen stärken, indem sie die Meisterpflicht wieder einführt. Eine Reihe von im Gesetz genannten Ausbildungsberufen soll künftig wieder Fortbildungstitel erhalten, darunter Fliesenleger, Raumausstatter und Rollladentechniker. Künftig sollen Arbeitnehmerinnen wie diese einen Bachelor oder Master Professional abschließen können – eine Art Meistertitel. Für diesen Vorschlag erhält Karliczek Zustimmung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Der stellvertretende Geschäftsführer Achim Dercks spricht von "einem guten Signal, indem die Gleichwertigkeit der Berufsabschlüsse mit vergleichbaren Studiengängen zum Ausdruck gebracht wird". Damit könne man jungen Menschen zeigen, dass die Möglichkeit einer berufsbegleitenden Weiterbildung bestehe.

Die Opposition und Gewerkschaften lehnen die Novelle hingegen ab. "Keine Ausbildung wird dadurch attraktiver, dass der Bäckermeister jetzt auch noch Bachelor Professional heißt", sagt Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund. "Einer Ausbildung neue Etiketten aufzukleben, anstatt ihre Qualität zu verbessern, ist sinnlos", sagt Anbuhl. Ob die Maßnahme junge Menschen zu einer Ausbildung bringt? Die Erfolgssaussichten dürfen bezweifelt werden.

Löhne bleiben niedrig

Stattdessen fordert der Gewerkschaftsbund bessere Ausbildungsbedingungen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag fordert eine "attraktivere inhaltliche Ausgestaltung der Berufsausbildungen". Dazu müsse auch die Berufsorientierung an Schulen besser und dem "Lehrermangel an Berufsschulen" entgegengewirkt werden. Dass viele Berufsschulen aufgrund geringerer Schülerzahlen schließen, hält Dercks für ein großes Problem. "Damit werden Fahrtwege für Auszubildende länger. Das kann Ausbildungsplätze in Gefahr bringen", sagt Dercks.

Doch die wichtigste Stellschraube, um die Attraktivität von Ausbildungen zu stärken, bleibt vom neuen Gesetz unangetastet: höhere Löhne. Heute verdienen im Osten Deutschlands 37 Prozent der ausgebildeten Arbeitnehmer nur 2.000 Euro brutto oder weniger. Im Westen sind es 21 Prozent. Vor allem im Handwerk ist die Lücke groß: Arbeitnehmer verdienen dort im Schnitt 20 Prozent weniger als Beschäftigte in der Gesamtwirtschaft, zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung.

Ohne kräftige Lohnsteigerungen dürfte es dem Handwerk schwerfallen, junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Den schicken Sportwagen auf den Plakaten zur Anwerbung neuer Lehrlinge kann sich von solchen Gehältern nämlich niemand leisten. Trotz 500 PS im Kopf.