Überall im Land fehlt es an Erzieherinnen und Erziehern. Das Familienministerium will daher den Beruf attraktiver machen. Mit einer Fachkraftoffensive fördert Ministerin Franziska Giffey seit September 2.500 Ausbildungsplätze. Das Modell soll neue Standards setzen. Hans-Günther Roßbach, Bildungsforscher und ehemaliger Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi), sieht das etwas skeptischer, wie er im Interview erzählt.

ZEIT ONLINE: Angehende Erzieher erhalten in den ersten Ausbildungsjahren keine Vergütung. Oft müssen Auszubildende sogar Schulgeld zahlen. Jetzt fördert das Familienministerium 2.500 Ausbildungsplätze finanziell, jeder der Auszubildenden verdient bis zu 1.300 Euro im Monat. Bis 2025 fehlen laut dem Wirtschaftsinstitut Prognos allerdings knapp 200.000 Erzieher in Deutschland. Ist diese Fachkräfteinitiative also nicht viel zu klein?

Hans-Günther Roßbach: Wir gehen sogar von einem noch höheren Mangel aus, einer Zahl, die auch im Nationalen Bildungsbericht steht: Es fehlen bald 300.000 Erzieher, wenn man einen wünschenswerten Betreuungsschlüssel erreichen will. Schon 2012 hat die Jugend- und Familienministerkonferenz gefordert, dass mehr in die praxisbegleitende vergütete Ausbildung von Erziehern investiert werden muss. Das aktuelle Programm ist klein, aber ein Anfang.

Hans-Günther Roßbach ist Bildungsforscher und war Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi). © David Ebener/​dpa

ZEIT ONLINE: Kitas aus ganz Deutschland konnten sich auf das Fördergeld bewerben. Am Ende gab es dreimal so viele Bewerber wie zu fördernde Stellen. Hat es überhaupt einen Sinn, einzelne Kitas finanziell zu fördern, statt generell die Tarifstufe zu erhöhen, damit alle Erzieher mehr verdienen?

Roßbach: Das eine ist die Ausbildung, das andere die generelle Vergütung. Dort empfehlen wir schon lange, dass die Gewerkschaften beteiligt werden und es höhere Löhne gibt. Trotzdem ist es auch wichtig, Menschen mit besseren Ausbildungsbedingungen an den Beruf heranzuführen. Die Modellprojekte in den Bundesländern zeigen, dass eine vergütete praxisnahe Ausbildung dazu beiträgt.

ZEIT ONLINE: Ist der Weg, den die Bundesregierung bei der praxisbegleiteten Ausbildung geht, richtig?

Roßbach: Definitiv. Damit lassen sich auch Quereinsteiger gewinnen, da sie dann von Anfang an Geld verdienen können. Modellprojekte aus Brandenburg haben sogar gezeigt, dass man damit explizit Männer für den Erzieherberuf gewinnen kann. Es muss auch darum gehen, andere Personen als die üblichen Realschulabgängerinnen zu Erziehern auszubilden. Wir brauchen vor Ort aber auch das entsprechende Personal, das so eine praxisnahe Ausbildung professionell begleiten kann. Die Fördersumme von 1.000 Euro pro Teilnehmer einer Schulung zum Ausbilder ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

ZEIT ONLINE: Studien zeigen, dass durch die Einführung einer Ausbildungsvergütung 50.000 zusätzliche Schulabgänger für eine solche Erzieherausbildung gewonnen werden können. 

Roßbach: Das wäre doch ein guter Anfang. Dann lohnt sich auch der gut angelaufene Ausbau von Kindertagesstätten.

ZEIT ONLINE: Allerdings steigt jeder vierte Pädagoge in den ersten fünf Berufsjahren aus. Liegt das nicht auch daran, dass Erzieher im Schnitt nur 2.600 Euro brutto verdienen? Auch die Familienministerin forderte öffentlich, dass Erzieher so gut wie Grundschullehrer bezahlt werden sollten.

Roßbach: Dem stimme ich zu, vor allem wenn es um Führungspersonal in Kitas geht. Es ist aber nicht nur das Gehalt, das entscheidend ist.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Roßbach: Um den Beruf attraktiver zu machen, braucht es Aufstiegsmöglichkeiten. Das Familienministerium fördert jetzt Kitas, die Erzieherinnen und Erzieher mit herausgehobenen Aufgaben betrauen – dafür gibt es jetzt bis zu 300 Euro monatlich. Ein anderer Punkt ist der Gesundheitsschutz. Oft ist es in Kitas lauter als an der Autobahn. Da ist die Arbeitsbelastung hoch.