Vor der Siegessäule in Berlin haben die Klimaaktivisten ein hölzernes Schiff aufgebaut: Am Montagmittag betritt Carola Rackete das Deck, geht zielstrebig zum äußeren Bug. Vor dem Schiff haben sich Fotografen versammelt, oben im Bug warten zahlreiche Mikrofone auf sie. Während hinter Rackete eine pinke Fahne mit Logo von Exctinction Rebellion an einem Mast hochgezogen wird, wird gejubelt. Rackete beginnt ihre Rede.

Die 31-Jährige wurde im Juni dieses Jahres berühmt, als sie trotz Verbot ein Schiff mit 40 Geflüchteten an Bord in den Hafen von Lampedusa steuerte. Der damalige Innenminister Italiens, Matteo Salvini, ließ sie festnehmen, unter Hausarrest stellen, machte sie so zum Gesicht der Seenotretter. Jetzt ist sie prominente Rednerin der Klimarebellen, die es sich in dieser Woche zum Ziel gemacht haben, Berlin lahmzulegen.

Unter dem Namen Extinction Rebellion wollen sie die Regierung mit Sitzblockaden, Flashmobs und Ankettungsaktionen dazu drängen, den Klimanotstand auszurufen. Am Montagmorgen haben die Aktivisten den Verkehrskreisel an der Siegessäule besetzt. Gegen Mittag spricht Rackete. Sie trägt ein graues Oberteil, darauf ist eine Sanduhr gedruckt – das Logo der Rebellen.

Ihre Rede gleicht eher einem Fachvortrag: Rackete spricht über Gletscher in Grönland, Dürren in Afrika, Überschwemmungen in Amerika. Sie liest viel von Zetteln ab, zitiert Professoren, Klimaforscher und Roger Hallam, den Mitbegründer von Extinction Rebellion. Sie trägt den Brief einer Frau aus dem Tschad vor, die unter der extremen Dürre in ihrer Heimat leidet. Nur mit einem Satz erwähnt Rackete ihren Einsatz für die Seenotrettung: Sie sei hier, "weil die Untätigkeit der Regierung zukünftige Generationen zum Tode durch unterlassene Hilfeleistungen verurteilt – genauso wie sie es mit den Flüchtenden auf dem Mittelmeer tut".

Mit Klima- und Naturschutzfragen hat sie schon lange zu tun

Rackete ist nicht plötzlich zur Klimaschützerin geworden. Sie hat Nautik und Naturschutzmanagement studiert, dann auf verschiedenen Polarschiffen als Naturschutzökologin gearbeitet, wie sie nach ihrem Auftritt erzählt: "Ich habe mit eigenen Augen am Nordpol gesehen, wie rasant der Klimawandel fortschreitet." Ihr eigentliches Thema sei der Naturschutz, die Rettung von Menschen im Mittelmeer beschreibt sie als Pflicht. "Beide Themen sind elementar", sagt Rackete. Deshalb sei sie im letzten November in London zu Extinction Rebellion gegangen. Dort haben Demonstranten elf Tage lang gestreikt, am Ende rief das Parlament den Klimanotstand aus. Rackete wirkt fest entschlossen, das auch in Deutschland erreichen zu wollen.

Will sie als das neue Gesicht von Extinction Rebellion in Deutschland wahrgenommen werden? "Ich glaube, Extinction Rebellion lebt von der Masse der Menschen. Es braucht nicht unbedingt eine Führungsperson", lautet ihre Antwort. Gleichzeitig ist Rackete sich ihrer Wirkung wohl bewusst: Ihre Prominenz "kann in Bezug auf die mediale Aufmerksamkeit helfen", sagt sie. 

Viele Fans hat sie jedenfalls schon. Kurz bevor Rackete die Bühne betritt, warnt einer der Organisatoren die Klimarebellen: "Bitte blockiert weiter die Straßen, nicht jeder von euch muss hier sein. An manchen Zufahrtstraßen sitzen nur noch zehn Leute." Immer wieder wird Rackete während ihrer Ansprache mit Schlachtrufen unterstützt: Ma’ayan Bennett aus Köln hat ihr sogar ein Lied gedichtet. Die 19-Jährige ist für Extinction Rebellion aus Köln angereist, will demonstrieren, wenn nötig die ganze Woche die Blockaden aufrechterhalten. Sie trägt eine dunkelgrüne Strumpfhose, Handschuhe, ein braunes Oberteil. In ihre Haare hat sie Grashalme geflochten, dazu grünen Lippenstift aufgetragen. Wie eine Waldfee will sie aussehen: "Ich will damit auf das Sterben unserer Natur aufmerksam machen", sagt Bennett. Gemeinsam mit einem Freund spielt sie auf der Schiffsbrücke den für Rackete getexteten Song. Es ist ihr erster gemeinsamer Auftritt. "Wir segeln alle auf dem gleichen Boot und müssen es in einen Hafen bringen", singen die beiden.

Dass Rackete jetzt öffentlich für den Klimaschutz wirbt, überrascht sie nicht: "Je schlimmer die Klimakatastrophen und Dürren werden, desto mehr Menschen müssen flüchten", sagt Bennett. Sie sieht eine direkte Verbindung zwischen Rackete und den Rebellen.

Rackete sagt, dass sie sich Extinction Rebellion angeschlossen hat, weil "die ganzen Petitionen und Proteste, die bis dahin angestoßen wurden, nicht ausreichen, um die Regierung zum Umdenken zu bringen". Das könnte man so verstehen: Schule schwänzen wie bei Fridays for Future ist nicht radikal genug.

Auch in den kommenden Monaten will sich Carola Rackete als Klimaretterin engagieren: Im November veröffentlicht sie ihr erstes Buch – es soll die Zerstörung der Ökosysteme zum Thema haben. Im Winter will sie wieder als Wissenschaftlerin auf einem Forschungsschiff in die Antarktis fahren. Auf der Bühne an der Siegessäule wurde sie von einem der Rebellen bereits mit den passenden Worten angekündigt. "Hier ist Carola Rackete. Jedes Schiff braucht eine Kapitänin."