Wenn es am Wahlabend von Thüringen eine Nachricht gab, die noch eindrücklicher war als das Ergebnis der AfD, dann war es die, dass die Partei Björn Höckes auch unter den jüngsten Wählern stärkste Kraft geworden war. Schließlich legt diese Zahl nahe, dass sich die Werte für die AfD im Osten in den nächsten Jahren stabilisieren, wenn nicht sogar noch verbessern könnten.

Doch eine repräsentative Studie des Open Society European Policy Institute (OSEPI) und des Thinkthank dpart, die sich mit den Einstellungen und Werten der Ostdeutschen befassen, zeigt: Es ist komplizierter. Sie zeigt ein diverses, heterogenes Bild der Ostdeutschen.

"Viele Studien sprechen von dem Ostdeutschen. Doch das ist verkürzt", sagt Jan Eichhorn, einer der Autoren von Über den Osten nichts Neues? Von Abgrenzung und Zugehörigkeit. Tatsächlich seien manche Einstellungen etwas stärker in Ostdeutschland vertreten. "Doch genauso wie im Westen gibt es auch im Osten große Unterschiede innerhalb der Bevölkerung."

So geben in der repräsentativen Befragung 37 Prozent der Unter-34-Jährigen an, dass sie die Aufnahme von Flüchtlingen kritisch sehen – sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Und doch wird in Ostdeutschland anders gewählt. Eichhorn erklärt das mit den Einstellungen der mittelalten Ostdeutschen: "Die größten Unterschiede zwischen West und Ost bestehen in der Vorwendegeneration." Damit sind die vor dem Mauerfall geborenen und heute zwischen 35 und 54 Jahre alten Ostdeutschen gemeint. Sie vertreten nicht nur andere Positionen als Westdeutsche, sondern unterscheiden sich stark von jüngeren und älteren Ostdeutschen. "Diese Unterschiede existieren schon lange und sind nicht erst jetzt aufgekommen. Sie verschaffen sich nun aber Gehör", sagt Eichhorn.

Unter diesen mittelalten Ostdeutschen bezeichnen 71 Prozent die Aufnahme von Geflüchteten als schlecht – in Westdeutschland sind es 47 Prozent. Gleichzeitig zeigt ein Blick auf die anderen Wählergruppen, dass die mittelalten Ostdeutschen nicht repräsentativ für den ganzen Osten sind. Denn nicht nur die Jüngeren unterscheiden sich in ihren Einstellungen kaum von Westdeutschland – auch die Älteren weisen weniger starke Tendenzen auf, rechtsradikal zu wählen. "Wir sehen das ja auch bei Wahlergebnissen der AfD. Die mittlere Altersgruppe hat oft die stärksten Zustimmungswerte zur AfD", sagt Eichhorn. Auch die Wahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen hätten das gezeigt. "Die Ursachen gehen auf die Erfahrungen der Wende und Nachwendezeit zurück", sagt Eichhorn. Tatsächlich ist die Frage hoch umstritten, ob nun die Erfahrungen in der autoritär geführten DDR oder die der Nachwendezeit – also Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Männerüberschuss – ausschlaggebend für die stärkere Neigung zum AfD-Wählen sei. Die Ex-Leichtathletin und Buchautorin Ines Geipel zum Beispiel beschrieb ihre Generation als eine, die auch wegen der fehlenden Aufarbeitung der NS-Zeit einen "inneren Hitler" konserviert habe.