Die neue Shell-Jugendstudie zeigt: Die junge Generation ist widersprüchlich. Sie ist zufrieden mit unserer Demokratie, vertraut aber den Parteien nicht. Sie blickt optimistisch in die Zukunft, fürchtet sich aber vor dem Klimawandel. Sie ist gebildet, aber auch anfällig für populistische Thesen. Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher und Co-Autor der Jugendstudie, erklärt im Gespräch, wie die Politik darauf reagieren sollte.

ZEIT ONLINE: Herr Hurrelmann, vor vier Jahren sagten Sie in einem ZEIT-Interview die Politisierung der jungen Generation voraus. Weshalb war das abzusehen?

Klaus Hurrelmann: In unseren regelmäßigen Umfragen konnten wir einen Prozess sehr gut beobachten: Anfang des Jahrzehnts war das politische Interesse der 12- bis 20-Jährigen auf einem historischen Tiefstand. Doch schon damals und bei den Folgeuntersuchungen konnten wir sehen, dass in den jeweils jüngsten Gruppen das politische Interesse stieg. Dass da eine politische Generation heranwächst, konnte ich deshalb schon 2015 prognostizieren. Auch wenn nicht abzusehen war, dass es sie in Massen auf die Straße treiben würde.

Klaus Hurrelmann ist Bildungswissenschaftler an der Hertie School of Governance in Berlin und Mitautor der Shell-Jugendstudie. © Britta Pedersen/​dpa

ZEIT ONLINE: Der jungen Generation geht es gut. Sie hält Deutschland für gerecht, blickt optimistisch in die Zukunft. Warum geht sie dann auf die Straße?

Hurrelmann: Das ist tatsächlich paradox. Die Vorgängergeneration hätte allen Grund gehabt, um zu demonstrieren: Die Sorge vor Terroranschlägen, Jugendarbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise. Genau deshalb hat sich die Vorgängergeneration offenbar auf sich selbst konzentriert. Wir haben das damals eine pragmatische Grundhaltung genannt. Den Jugendlichen ging es stark um Selbstoptimierung und gute Bildungsabschlüsse und weniger um politisches Engagement. Während der Finanzkrise war die junge Generation mit sich selbst beschäftigt und es fiel ihr offenbar schwer, einen Schuldigen für dieses große globale Problem zu identifizieren.

ZEIT ONLINE: Auch der Klimawandel ist doch aber ein globales Problem ohne leicht auszumachende Schuldige.

Hurrelmann: Definitiv. Er bringt aber eine Generation auf die Straße, die eine völlig andere Ausgangssituation hat. Die nach 2000 geborenen sorgen sich nicht um ihre Ausbildung oder den Beruf, sie leben in wirtschaftlich guten Zeiten. Sie sind nicht mit Unsicherheit aufgewachsen. Genau das macht sie politisch. Die Jugend scheint politisch aktiver zu werden, je besser es ihr geht. Je besser die soziale Perspektive und je höher der Bildungsstand, desto stärker wird der Protest. Es ist sozusagen ein Protest aus der Zufriedenheit heraus.

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist das Interesse der jungen Generation für Politik seit der letzten Studie von 43 Prozent auf 41 Prozent gesunken. Wie erklären Sie sich das?

Hurrelmann: Ja, das politische Interesse stagniert. Gewachsen ist hingegen die Zustimmung zu der Aussage, dass es modisch ist, politisch zu sein. Es ist auch nur eine Teilgruppe politisch aktiv, nicht die ganze Generation.

ZEIT ONLINE: Dann ist der Untertitel Ihrer Studie, Eine Generation meldet sich zu Wort, doch irreführend.

Hurrelmann: Nein, denn es gab immer Meinungsführer innerhalb einer Generation, die auf eine große schweigende Mehrheit trafen. Das war auch in der 68er-Bewegung so. Auch damals haben sich in Wohlstandszeiten, kurz nach dem Wirtschaftswunder, einige junge Menschen politisiert. Aber es waren längst nicht alle jungen Menschen. Wie heute bei Fridays for Future war da eine kleine politische Elite aktiv – vielleicht fünf Prozent des Jahrgangs – die aber hatten und haben die Fähigkeit, einen großen Sympathisantenkreis zu bilden.

ZEIT ONLINE: Eben diese politisch gut organisierte Generation äußert aber auch Misstrauen. 71 Prozent der Jugendlichen gelten trotz ihres Engagements als politikverdrossen. Wie passt das zusammen?

Hurrelmann: Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist überraschend gestiegen, was erfreulich ist. Gleichzeitig verlieren die demokratischen Parteien und Politiker aber an Ansehen. Sie gelten bei der jungen Generation als bürokratisch, behäbig, wenig transparent. Der Anreiz, sich dort zu engagieren, ist gering, die Distanz zu den Parteien ist groß.