Wenn Politiker aus einem Amt scheiden, rücken sie ihre Bilanz meist in ein möglichst strahlendes Licht. Umso bemerkenswerter war der Auftritt von Donald Tusk vor wenigen Tagen in Zagreb. Der EU-Ratspräsident, dessen zweite und letzte Amtszeit um Mitternacht endete, wollte sich in der kroatischen Hauptstadt zum Vorsitzenden der konservativen Europäischen Volkspartei wählen lassen. Seine Bewerbungsrede jedoch beendete er nicht etwa mit einem Loblied auf seine Arbeit der vergangenen fünf Jahre, sondern mit einem geradezu vernichtenden Urteil: "Ich habe es satt, Europas Chefbürokrat zu sein." Er wolle endlich wieder politisch kämpfen.

Das hätten eingefleischte EU-Kritiker kaum pointierter formulieren können. Die EVP-Delegierten honorierten zwar die Offenheit und Kampfeslust des 62-jährigen Polen. Sie wählten Tusk mit 93 Prozent zu ihrem neuen Parteichef. Bei vielen Beobachterinnen blieb aber der Eindruck haften, dass da ein bekennender Europäer den Daumen über dem Brüsseler Institutionengefüge gesenkt hatte. Daran änderten auch Tusks leidenschaftliche Angriffe auf "Populisten, Manipulatoren und Autokraten" nichts, womit er den rechtsnationalen ungarischen Premier Viktor Orbán, den britischen Brexit-Hardliner Boris Johnson und die in Warschau regierende PiS mit ihrem autoritären Parteichef Jarosław Kaczyński gemeint haben dürfte.

Fünf verschenkte Jahre also? Tusk gab in Zagreb zumindest zu Protokoll, dass er als Ratspräsident keinen echten Einfluss auf die Geschicke der EU gehabt habe. Tatsächlich sieht der Vertrag von Lissabon, in dem der ständige Vorsitz überhaupt erst geschaffen wurde, für den Präsidenten nicht einmal ein Stimmrecht im Rat der Staats- und Regierungschefs vor. Er leitet die Sitzungen zwar und kann Kanzlerinnen, Premierminister und Staatsoberhäupter im berühmten Beichtstuhlverfahren ins Gebet nehmen, um in den berüchtigten Brüsseler Verhandlungsnächten zur Kompromissfindung beizutragen. Die Entscheidungen aber treffen andere.

Seine Erwartung war, etwas bewegen zu können

Für einen Vollblutpolitiker wie Tusk, der von 2007 bis 2014 als Ministerpräsident in Warschau regiert und sich in dieser Zeit eine Dauerschlacht mit PiS-Chef Kaczyński geliefert hatte, war die Rolle des Zeremonienmeisters und Beichtvaters erkennbar zu wenig. Immer häufiger ließ er in seiner zweiten Amtszeit seinem Frust und seiner Spottlust freien Lauf. So postete er auf dem Höhepunkt der Brexit-Krise bei Instagram ein Foto der britischen Premierministerin Theresa May, die an einem Kuchenbuffet nach dem richtigen Stück Ausschau hielt. "Sorry, no cherries", schrieb Tusk darunter, in Anspielung auf Mays angebliches "cherry picking", ihre Rosinenpickerei in den Verhandlungen mit der EU.

Mays Nachfolger Johnson warf er ein "dummes Schwarzer-Peter-Spiel" vor. Und als der französische Präsident Emmanuel Macron kürzlich seiner Hoffnung Ausdruck gab, die Polen von der Notwendigkeit besserer Beziehungen zu Russland überzeugen zu können, da konterte Tusk provozierend knapp: "Mich nicht." All das lässt nur den Schluss zu, dass der gebürtige Danziger im Dezember 2014 wider besseres Wissen um die begrenzten Kompetenzen des Ratspräsidenten mit der Erwartung nach Brüssel gewechselt war, etwas bewegen zu können.

Und Tusk war nicht der Einzige, der solche Hoffnungen hegte. Kaum zufällig machte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihren politischen Freund aus dem Nachbarland im Herzen Europas stark. Zehn Jahre nach der großen EU-Erweiterung von 2004 sah man gerade in Deutschland, im Zentrum des Kontinents, einen rasant wachsenden Bedarf, Ost und West stärker zusammenzuführen. Denn wirtschaftlich hatten Tschechen und Slowaken, Polen und Ungarn, Balten und Slowenen zwar enorm vom Binnenmarkt und den Brüsseler Strukturhilfen profitiert. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit führte aber zu einer dramatischen Abwanderung meist junger und gut ausgebildeter Osteuropäer, die in den reichen Regionen des Westens ihr Glück suchten.