Der Weltraum wird zum Operationsgebiet des atlantischen Bündnisses: Das soll auf dem Natogipfel, der am 4. Dezember in einem Hotel nördlich von London stattfinden wird, von den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer offiziell beschlossen werden. Was ist das? Ein rein symbolischer Akt, eine Erweiterung der Bündnispflichten oder der Beginn eines neuen Wettrüstens?

Von allem ein bisschen. Zwar ist es nicht so, dass der Beschluss etwas an der Definition des Bündnisfalls mitsamt der Beistandsverpflichtung nach Artikel 5 des Atlantikpaktes ändert. Sie lautet folgendermaßen: "Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird." Sollte also ein Staat weltraumbasierte Einrichtungen eines Natomitglieds angreifen, so ist dies kein Angriff "in Europa oder Nordamerika". Aber indem sie den Weltraum zum Operationsgebiet erklären, tun die Natomitglieder sehr wohl ihren Willen zu intensiverer Zusammenarbeit kund.

Das ist auch eine Antwort auf die gegenwärtige Krise der Nato und die Diagnose des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, das Bündnis sei "hirntot".

Allerdings umfasst der Begriff "Operationsgebiet" sehr viele Aktivitäten, nicht bloß die Anwendung von Waffengewalt. Auch Beobachtung oder Kommunikation fallen darunter. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg jedenfalls schloss die Stationierung von Weltraumwaffen aus. Das Bündnis solle vor allem einen intensiveren Informationsaustausch anstreben.

Amerikanern ist Datenaustausch zu wenig

Und schon ist der nächste Konflikt mit den Amerikanern programmiert. Für den Luftwaffengeneral Jay Raymond, Chef des US Space Command, ist Datenaustausch zu wenig. Er sieht den Weltraum ausdrücklich als Gebiet der Kriegführung, und sein Kommando habe "eine offensive und eine defensive Mission". Die Briten und die Franzosen denken ähnlich, nur suchen sie nicht die Konfrontation mit den anderen Mitgliedsländern.

Im Sommer dieses Jahres hatte Frankreichs Verteidigungsministerin Florence Parly in einer Rede erläutert, auf welche Umlaufbahn ihr Staatschef die Weltraumpolitik des Landes schicken will. Parly erwähnte den russischen Satelliten Olymp-K, auch "Luch" genannt, der sich einem französischen Satelliten sowie acht weiteren anderer Nationen gefährlich genähert habe. Mittlerweile existierten Technologien, führte Parly aus, "Satelliten auszuspionieren oder zu blenden". Diese Methoden entwickelten sich weiter, "wir wissen es, und der Schatten dieser Bedrohung ist sehr real". Daher werde Frankreich schleunigst ein militärisches Weltraumkommando unter der Führung der Luftwaffe einrichten. Unverzüglich würden dafür 220 Mitarbeiter zusammengetrommelt, und zwar in Toulouse. Und "wenn unsere Satelliten bedroht werden, dann werden wir diejenigen unserer Gegner blenden." Vielleicht "mit starken, satellitengestützten Lasern", sagte Parly.

Das ist die Macronsche Denkungsart. Auf den Schutz der USA oder der Nato allein mag er nicht vertrauen, Frankreich müsse die Dinge selbst in die Hand nehmen. Allein oder mit den anderen Europäern? In Frankreichs strategic community ist man da sehr klar: Es würde zu lange dauern, die zögerlichen Nationen Europas von der Notwendigkeit und Dringlichkeit zu überzeugen. Nur um die Deutschen bemühe man sich jetzt sehr, auch wegen ihrer technischen Kapazitäten.