"Wir wollen kein wiedervereinigtes Deutschland", gelobte die britische Premierministerin Margaret Thatcher dem sowjetischen Generalsekretär Michael Gorbatschow zwei Monate vor dem Mauerfall. Jahre später: "Wir haben die Deutschen zweimal geschlagen; jetzt sind sie wieder da." Sie war nicht allein. Auch im Kopf des französischen Präsidenten François Mitterrand kroch die Angst hoch. Italiens Regierungschef Giulio Andreotti stichelte: "Ich liebe Deutschland so sehr, dass mir zwei davon lieber gewesen wären." 

Die Moral solcher Geschichten ist die Langlebigkeit vergifteter Erinnerungen. Schließlich hatten die Deutschen unter Wilhelm und Adolf zweimal im 20. Jahrhundert nach der Weltmacht gegriffen. Hitler hatte es bis vor die Tore Moskaus und Kairos geschafft. 55 Millionen Tote später lag Deutschland am Boden. Es wurde amputiert und geteilt, dann an die Kette der Siegermächte gelegt. Doch urplötzlich kollabierte mit der Mauer die scheinbar ewige Ordnung des Kalten Krieges. Nun würden die vereinten Deutschen ihre Fesseln abschütteln und abermals die Vorherrschaft proben. Mit der größten Bevölkerung und Wirtschaft Europas waren sie gut gerüstet.

Warum entpuppte sich das größere Deutschland im 21. Jahrhundert dann doch nicht als neues "Großdeutschland"?

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte passte das strategische Umfeld. Das Erste Reich, das "Heilige Römische", das 1806 dahinschied, war zu schwach gewesen, um gegen seine begehrlichen Nachbarn zu bestehen. Jahrhundertelang war Mitteleuropa das zentrale Schlachtfeld. Das Zweite und Dritte Reich waren dagegen zu stark für Europa, doch nie potent genug, um Eroberung in Besitz zu verwandeln.

Eingebettet in die Pax Americana

Die Totalniederlage 1945 hat das uralte Problem auf ungeahnte Weise gelöst. Westdeutschland war nun eingebettet in die Pax Americana, Ostdeutschland ins Sowjet-Imperium. In zwei Blöcken verankert, konnten die Deutschen die Nachbarn nicht mehr überwältigen. Die konnten wiederum den Deutschen nichts anhaben, standen diese doch unter dem Schutz von zwei Supermächten. Nach der Wiedervereinigung 1990 leuchtete den Deutschen erneut ein günstiger Stern. Bismarck hatte 25 Kleinstaaten 1871 mit "Blut und Eisen" in einem Eroberungskrieg gegen Frankreich zusammengezwungen. Diesmal aber wurde die Einheit in tiefstem Frieden verwirklicht. Es war ein gutes Omen. 1991 zerfiel die Sowjetunion; ihre osteuropäischen Vasallen gingen ein paar Jahre später in der Nato auf. Zum ersten Mal in seiner Geschichte war Deutschland kein Störenfried, weder Aggressor noch Beute im europäischen Machtgefüge.

Die Thatchers und Mitterrands hatten die Verschiebung der tektonischen Platten nicht erkannt. Überdies ging die unglaubliche liberal-demokratische Metamorphose der Deutschen nach Wilhelm, Weimar und Nazis an ihnen vorbei. Auch hier war das Glück den Deutschen hold. Das Geschenk einer nie genossenen äußeren Sicherheit waren der Wegbereiter und Garant der Demokratie im Inneren. Unter dem amerikanischen Schutzschirm konnte sich neben dem Wirtschafts- das noch größere Politwunder entfalten.

Anfänglich von den Westmächten verordnet, schlug die Demokratie immer tiefere Wurzeln. Die Weimarer Republik wurde dagegen zwischen deren linken und rechten Feinden zerrieben. Die totalitären Demagogen hatten ein leichtes Spiel in einem unterworfenen, umzingelten Land, ganz zu schweigen vom Versailler Straffrieden, der allein den Deutschen die Kriegsschuld aufhalste. In der Schutzgemeinschaft der Demokratien aber funktionierten Ressentiment und aggressiver Chauvinismus nicht mehr. Auch nicht die demokratiefeindliche Parole des zweiten Wilhelm: "Ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche." Sicherheit und Gemeinschaft lieferten das beste Bollwerk gegen Führer und Verführer.

Nach 1945 konnte auf diesem frisch gepflügten Boden der liberale Staat aufblühen. Es wuchs die Macht des Parlaments gegenüber der Exekutive, die in der Spiegel-Affäre 1962 die Gewaltenteilung auszuhebeln versuchte. Das Verfassungsgericht wuchs zum allseits geachteten Schiedsrichter empor. Die Armee, in Weimar ein Staat im Staate, fügte sich der zivilen Vorherrschaft. Die Berliner Republik, die den Nachbarn nach dem Mauerfall den Schlaf geraubt hatte, ist eine Bastion der Friedfertigkeit geblieben. Plötzlich war das einst verhasste Deutschland ein geehrtes Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Margaret Thatcher, die 2013 gestorben war, konnte in Frieden ruhen.

Das Problem ist nicht zu viel deutsche Macht, sondern zu wenig

Was raut dann die Gemüter von Freunden und Gegnern auf?

Es ist längst nicht mehr die imperiale Arroganz wie im Zweiten und Dritten Reich, sondern – so absonderlich es auch klingt – die deutsche "Selbsteindämmung" im Namen des "Nie wieder!" der Wiedergutwerdung. Der Pazifismus ist geradezu Zivilreligion, der moralische Gestus paart sich gern mit dem moralisierenden. Wo einst die Knobelbecher knallten, herrschen nun die Sneaker. Die Verteidigungsausgaben, die einst bei drei Prozent der Wirtschaftsleistung lagen, sind auf 1,2 abgestürzt. Clausewitz, der preußische Kriegsphilosoph, der den unauflöslichen Verbund von Gewalt und Diplomatie lehrte, wohnt hier nicht mehr. Reflexhaft scheut das demokratische Deutschland den Einsatz des Militärs als politisches Instrument.

Die ungezügelte Machtgier, die nach dem "ehrlichen Makler" Bismarck so viel Unglück über Europa brachte, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Thatcher, Mitterrand und Andreotti müssten sich heute nicht über "the Germans are back" sorgen, sondern über die neudeutsche "Kultur der Zurückhaltung". Sie würden einem Land misstrauen, das als Nutznießer, nicht als Erzeuger von Sicherheit in einem Europa agiert, das von den Rändern her bedroht wird.

So schließt sich der Kreis. Heute ist das Problem nicht zu viel deutsche Macht, sondern zu wenig, nicht die hegemoniale Ruhmsucht, sondern das Fehlen der tätigen Verantwortung für die gemeinsame Sicherheit in einer wackligen Weltordnung. Das ist die ironische Pointe eines Bildungsromans, der die Geschichte vom Heiligen Römischen Reich bis zum Dritten erzählt, von der Ersten bis zur Zweiten Republik.