Schafft sie nicht! Geht nicht! Ist sowieso nicht ernst gemeint! Es gibt wahrscheinlich noch eine Menge anderer Formulierungen, die alle den gleichen Grundton haben: Die neue Kommissionschefin Ursula von der Leyen kann ja gern davon träumen, dass sie die EU moderner und vor allem grüner macht. Aber ach, all diese Ambitionen gleich zu Beginn, zeigen doch nur, wie naiv sie ist. Bald schon wird sie lernen, wie unreformierbar der Laden ist, sie wird also an der Realität scheitern.

Ganz ähnlich klingen die Töne, die sich die beiden künftigen SPD-Chefs Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken anhören müssen, kaum dass das Ergebnis der Mitgliederbefragung bekannt wurde: Da klang so mancher Kommentar fast nach dem Untergang des Abendlandes, mindestens aber nach dem Ende der SPD und dem Beginn eines düsteren Zeitalters, in dem altmodische, linke Ideen das Land ruinieren werden.

Hallo, geht es auch eine Nummer kleiner? Sollte man den Neuen nicht wenigstens ein bisschen Zeit lassen – bevor das harte Urteil fällt?

Klar ist es möglich, dass von der Leyen den Job in Brüssel nicht packt, weil eine Mischung aus langsamer EU-Bürokratie, ignoranter Regierungen und einem grundbeleidigten EU-Parlament die neue Frau an der Spitze der Kommission scheitern lassen. Natürlich können das Kanzleramt & Co. das nötige Geld verweigern, mit dem sie Europa grün umbauen will. Sicher kann das EU-Parlament, das diese Kommissionschefin ja nicht wollte, ihr hohe Hürden in den Weg legen.

Und ja, auch die EU-Bürokratie kann durch geschickte Indiskretionen versuchen, noch ihre besten Pläne frühzeitig kaputt zu machen: so, wie es mit dem Entwurf des Green New Deal bereits passiert ist, den die Kommission für die neue Chefin gerade aufschreibt. Dieser Ökoplan für Europa soll offiziell erst in der kommenden Woche vorgestellt werden, eine frühe Fassung wurde aber vor ein paar Tagen schon an die Öffentlichkeit gespielt und dient seither so manchem Kommentator als Argument dafür, dass von der Leyen nur mutig redet, aber nichts mutig durchsetzen wird.

Lasst sie doch erst mal machen! Natürlich sollte eine kritische Öffentlichkeit neue Menschen in neuen politischen Funktionen genau beobachten, und zwar von Anfang an. Natürlich muss guter Journalismus hart kritisieren. Aber sollten wir nicht alle wenigstens ein bisschen mit der Möglichkeit spielen, dass neue Leute in wichtigen Jobs doch noch mal etwas in eine gute Richtung verändern?

Von der Leyen kann keinen Klimaschutz und die künftige SPD-Führung will düsteren Sozialismus und überhaupt wird das mit diesen Politikern wahrscheinlich alles nix – solche Vorurteile schreiben sich hübsch und schnell, und passen in jeden Tweet. Aber sie sorgen mit dafür, dass immer mehr Leute sich von der Politik grundsätzlich abwenden und schon von Anfang an davon ausgehen: Die da oben, die können es eh nicht.

Ja, manche da oben können es wirklich nicht. Und das sollte man dann auch schreiben – beispielsweise über eine Regierung, die schon eine Weile im Amt ist und zu der es dann Argumente gibt. Aber wenn jemand noch nicht einmal die ersten 100 Tage im neuen Job hinter sich hat, steht ihm oder ihr der Zauber des Anfangs zu.

Sogar wenn man sie oder ihn nicht mag.