"Das Sein bestimmt das Bewusstsein", lehrt Karl Marx. Im Kern besagt dieser immer wieder aufs Neue zitierte Spruch: Die realen Umstände – was wir haben oder entbehren, wie wir leben, arbeiten und leiden – bestimmen das Denken und Handeln. Wie passt dieses zentrale Dogma zum Erdrutschsieg des Boris Johnson, wo die "kleinen Leute" millionenfach zu den Konservativen übergelaufen sind?

Die nackten Zahlen des Debakels – die Tories liegen mit 163 Sitzen vor Labour – reichen allein nicht aus, um den Meister zu widerlegen. Labour erzielte zwar das schlechteste Ergebnis seit 1935, aber solche Beben sind Routine in der britischen Geschichte. Frappierend ist vielmehr, dass ausgerechnet jene Hochburgen gefallen sind, die gemäß Marx für die Linke hätten stimmen müssen.

Es sind Wahlkreise, die seit Generationen die Arbeiterpartei wählen, doch nunmehr an Abstieg und Verarmung leiden – wo Industrien wie Kohle, Stahl und Fischerei kollabieren oder schon dahin sind. Wo hätte Labour besser mit dem Versprechen staatlicher Wohltaten punkten können als hier? Und angeboten hat die Arbeiterpartei ja auch eine Menge: von kostenloser Altenpflege über gebührenfreie Universitäten, mehr Rente für Frauen und ermäßigte Bahnfahrten bis hin zu massenhaften Sozialausgaben, die mit Reichensteuern finanziert werden sollten. Doch all das konnte nicht verhindern, dass die "Rote Mauer", die sich in der Mitte Englands von Küste zu Küste gezogen hatte, fiel. Die Karte ist nun blau, die Farbe der Konservativen.

Falsches Bewusstsein?

Haben die einstmals Roten ihre wahren Interessen verkannt und deshalb den Klassenfeind gewählt? Marxisten würden das "falsche Bewusstsein" auffahren, um den Historischen Materialismus zu retten. Nur: Die Abtrünnigen können nicht alle blind und blöd gewesen sein. Greifen wir deshalb auf zwei andere Erklärungen zurück.

Die wichtigste heißt Brexit. Die Kontinentalen, die Deutschen vorweg, maulen hier und da, können sich aber den Ausbruch aus der EU nicht vorstellen. Denn die Bilanz war und bleibt im Plus – materiell wie seelisch. Die EU-Länder haben sich in einer Welt eingerichtet, wo ein Lebensbereich nach dem anderen nicht mehr vom Volkssouverän regiert wird. Die EU ist "eingepreist" und wird nur an den Rändern des politischen Spektrums attackiert. Nicht einmal die Autoritären in Ungarn und Polen wollen raus aus der Union.

Wie Brexit und der Johnson-Triumph zeigen, herrscht im Königreich eine andere Mentalität, die in der historischen Erfahrung des Landes wurzelt. Die Selbstbestimmung der Briten ist seit der letzten Invasion (1066 durch die Normannen) manchmal gefährdet (Napoleon, Hitler), aber nie zerstört worden. Take back control! geriet zum Schlachtruf, der alle anderen übertönte. Die Gesetze müsse Westminster machen, nicht der Todfeind britischer Souveränität in Brüssel. Der eigene Staat müsse die Grenzen sichern. Die Einwanderung müsse den Interessen der Nation gehorchen, damit sich die Eindringlinge nicht unverdient am britischen Sozialstaat laben können. Der British Way of Life dürfe nicht länger von einer fremden Kontinentalkultur bedrängt werden.

Die arbeitslose Verkäuferin Dawn Ridsdale, 56, brachte es auf den Punkt. "Ich komme aus einer Labourfamilie, die in den Kohlegruben zu Hause war und gegen Maggie Thatcher gekämpft hat. Das Land liegt auf dem Rücken, also habe ich leider für Boris stimmen müssen, in einem schlimmen Pack noch der Beste." Oder zitieren wir Clara Burke, 59: "Ich habe immer Labour gewählt; jetzt kann ich es nicht mehr." Johnson war der Garant des Brexits, und gegenüber dem Übel namens EU verblassten die ökonomischen Risiken.