Alles wird morgen schlechter. Denn Pessimismus ist Teil unseres Erbguts. Jene furchtsamen Urahnen, die Risiken vermieden und sich gegen Fährnisse wappneten, hatten bessere Überlebenschancen, und so pflanzte sich das P-Gen fort über die Generationen. Besser, das Schlimmste vorauszusetzen als wie Hans-guck-in-die-Luft im Struwwelpeter frohgemut ins Unglück zu marschieren.

Zweitens der Faktor der seelischen Ökonomie: Unterstelle das Schlimmste und genieße die Erleichterung, wenn das Übel ausbleibt. Im Journalismus gilt ein drittes Prinzip: "Bad news are good news", sagen die angelsächsischen Kollegen. Eine erbauliche ist eine langweilige Welt, die keine Auflage bringt. Nur die totalitäre Presse bombardierte die Leser mit erhebenden Nachrichten. Die Prawda ("Wahrheit") feierte übererfüllte Fünfjahrespläne; für den Völkischen Beobachter war eine vernichtende Niederlage der Wehrmacht eine brillante "Frontbegradigung", die den Feind in eine tödliche Falle locken würde.

Umso mehr sollten wir zur Jahrzehntwende das Erfreuliche zelebrieren – die gefühlte Wahrheit an den Fakten messen, ohne das Hässliche klein- oder wegzureden.

Die Weltwirtschaftskrise II blieb aus; der Finanzcrash von 2008 war kein Remake der Dreißiger. Stattdessen boomen die Aktienmärkte, was nicht nur mit ultrabilligem Geld zu tun hat. Trotz aller Schwarzseherei muss der Normalverbraucher optimistisch sein, wenn gerade die Konsumwerte steigen. Kein Wunder: In Amerika und Deutschland herrscht Vollbeschäftigung. Die Finanzkrise 2008 war bloß eine kurze Rezession, kein Vorbote des Massenelends.

Kommt der nächste Niedergang ganz bestimmt? Trotz abflachenden Wachstums in Deutschland steigen die Löhne kräftig. Sie lagen 2019 um 3,4 Prozent höher als im Vorjahr; das ist das größte Plus seit 2016. Am Bau, der ein Frühindikator des Wachstums ist, stiegen die Löhne gar um 4,3 Prozent. Gleiches gilt für die ostdeutschen Löhne insgesamt. Noch besser: Die winzige Inflation frisst die Zuwächse nicht auf.

Weniger Hunger, Armut und Krankheit

Wie steht es um den Rest der Welt, wo die eine Krise die andere jagt? Wo Diktatoren ihre Völker knechten, Bürgerkriege toben und die Globalisierung die Verelendung treibt?

Der UN World Development Report spricht dagegen von einer "beispiellos hohen Zahl von Menschen, die sich von Armut, Hunger und Krankheit befreit haben". Allein im vergangenen Jahrzehnt hat die Menschheit knapp 30 Prozent des Wohlstands erwirtschaftet (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen), den sie seit Anbeginn ihrer Geschichte angehäuft hat. Warum so viel in so kurzer Zeit? Der sogenannte Fluch des Fortschritts, der die Kulturpessimisten beflügelt, hat die Produktivität astronomisch gesteigert. Immer mehr wird mit immer weniger erzeugt – gut für Luft, Fauna und Flora.

Die Weltbank berichtet, extreme Armut (weniger als ein Dollar pro Tag) habe sich mehr als halbiert, von 18,2 auf 8,6 Prozent der Weltbevölkerung. Sind die Reichen immer reicher geworden? Laut World Data Lab darf man nun zum ersten Mal die Hälfte der Menschheit als "Mittelschicht" einstufen.