Merkels Moskaureise beginnt mit einer kleinen Begebenheit, die den Ton für das Treffen zwischen Wladimir Putin und ihr vorwegnimmt. Die Bundeskanzlerin eilt in den Kreml-Saal, wo Putin gerade für den gemeinsamen Fototermin auf sie wartet. Sie nimmt Platz, schaut sich um und murmelt etwas vor sich hin: Wo ist nur Heiko Maas? "Da ist er!", ruft sie zu Putin gewandt. Der murmelt ihr etwas auf Deutsch zu – "Wie du sagst!" – und blickt verwundert um sich. "Ich wollte dir nur unseren Außenminister zeigen!", sagt sie zu Putin. Der lächelt.

Bei dem Treffen in Moskau spielten die Außenminister lediglich Nebenrollen. Hier werden Chefsachen verhandelt: Es sollte zwar vor allem um die Ukraine gehen, aber nun kommen die Krisen und Kriege in Libyen, Iran, Irak und Syrien hinzu. Der Umgang wirkt vertraut – Merkel duzt Putin, Putin duzt Merkel. Die beiden werden länger als geplant reden. Nach mehr als drei Stunden steht sie schließlich neben Putin vor der Presse und betont, wie detailliert und konstruktiv die Gespräche waren.

Welch Unterschied zu vor fünf Jahren, als Angela Merkel das letzte Mal im Kreml vor die Kameras trat! Sie war zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs nach Moskau gekommen, lehnte aber Putins Einladung zur Militärparade ab – nach der Krim-Annexion und einem Krieg in der Ukraine, der mit russischen Waffen und Soldaten geführt wurde, konnte sie wohl kaum mitten in Moskau einer pompösen Militärparade beiwohnen. Dieser Krieg, den der Kreml 2014 in der Ukraine begann, hat das politische Verhältnis der Europäer zu Russland zerrüttet. Er hat die EU dazu gebracht, ihre Russlandpolitik zu überdenken und Sanktionen zu verhängen. Also legte Merkel damals lediglich einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten nieder und hielt mit Putin eine etwas unterkühlte Pressekonferenz ab, in der sie die russische Politik in der Ukraine und die Annexion der Krim als verbrecherisch verurteilte.

Unterstützung, die von den Amerikanern fehlt

An dieser Einschätzung hat sich seither eigentlich nichts geändert. Der Krieg in der Ukraine ist zwar eingedämmt, aber nicht vorbei und die europäischen Sanktionen gegen Russland sind wieder und wieder einstimmig verlängert worden. Doch seit Donald Trumps Wahl zum Präsidenten haben sich zum einen die amerikanisch-europäischen Beziehungen dramatisch verschlechtert. Zum anderen ist die ohnehin instabile Lage im Nahen Osten durch die Konfrontation zwischen dem Iran und den USA noch gefährlicher geworden. Angela Merkel ist auch deshalb nach Moskau gekommen, um sich Unterstützung zu holen, die von den Amerikanern fehlt – sei es, weil sie sich aus der internationalen Politik zurückgezogen haben oder weil sie recht rücksichtslos ihre eigenen Interessen definieren.

In Libyen versucht sich Deutschland als Vermittler, plant eine große Konferenz unter dem Dach der UN in Berlin – und will dafür auch Russlands Unterstützung gewinnen. Das wiederum verfolgt mit Söldnern seine Interessen in dem nordafrikanischen Staat. Gefragt nach der Zahl der russischen Söldner in Libyen, wich Putin aus: Diese seien nicht im Auftrag des russischen Staates tätig und bekämen von ihm auch kein Geld. Im Iran will Merkel ebenso wie Russland eine weitere Eskalation mit den USA verhindern – zudem wollen beide das alte Atomabkommen retten, das die Iraner daran hindern soll, nukleare Waffen herzustellen, aber von Donald Trump abgelehnt wird. Auch das bei den europäischen Nachbarn und den Amerikanern verhasste Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 bringt Merkel und Putin enger zusammen. Beide halten an dem Projekt fest, obwohl die Amerikaner Sanktionen gegen Firmen angekündigt haben, die die Röhren bauen, und der diplomatische Schaden, den der deutsch-russische Alleingang bei den europäischen Nachbarn bewirkt hat, groß ist.

Merkels zugewandter Besuch bei Wladimir Putin, die überraschende Betonung von Gemeinsamkeiten, die lobenden Worte für das Vorgehen Putins und Erdoğans ausgerechnet in Syrien und Libyen, offenbart, wie sehr die amerikanische Regierung ein Vakuum hinterlässt, in das andere Akteure stoßen – die Türkei, Russland, Iran. Mit ihnen sucht sich Merkel nun zu arrangieren. Ihr Besuch in Moskau war womöglich der Anfang dafür.