Wenn an diesem Samstag wieder Gelbwesten und Gegner der Rentenreform auf die Straße gehen, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erneut verloren. Die Demonstrierenden waren in dieser Woche ähnlich zahlreich wie im vergangenen Dezember, ihre Protestaktionen werden immer ausgefallener. In Marseille stürmten am Freitag streikende Bahnarbeiter direkt auf die Gleise, Anwältinnen besetzten das Justizministerium, Chemiefacharbeiter blockierten Raffinerien. Drei Viertel aller Bürgerinnen und Bürger wollen, dass Macron die Reform komplett aufgibt, seine Sympathiewerte sind im Keller.

Viele Europäer und Deutsche werden sich erstaunt fragen, warum ist Frankreich schon wieder im Streik? Warum brennen in Paris erneut die Barrikaden und blockieren die Gelbwesten abermals die Kreisverkehre? Laut Umfragen vertrauen die Deutschen Macron sogar mehr als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Höchste Zustimmung erhält er von Grünen- und SPD-Wählern.

Dabei ist es ein Missverständnis, den französischen Präsidenten als einen neuen Typus von Politiker anzusehen. Neu an ihm war bei seiner Wahl nur, dass der ehemalige Banker keine Partei hinter sich hatte. Seine Politik aber ist altbacken. Der 41-Jährige setzt eine arbeitgebernahe, wirtschaftsliberale Agenda um und nicht die "sowohl linke als auch rechte Politik", die er einst für sich proklamierte. Sein Programm wäre in Deutschland unter Konservativen in der FDP beliebt. Er ist eher Christian Lindner oder Wolfgang Bosbach als Angela Merkel oder gar Robert Habeck. Hierzulande wäre sein Programm das einer schwarz-gelben Koalition. Also nichts Neues.

"Menschen, die nichts sind"

Woher rührt dieses Missverständnis? Macron ist auch deshalb im Ausland beliebter als im Inland, weil er derjenige sein sollte, der den Populismus eindämmt. Er galt weltweit als ein Antipode zu Marine Le Pen, zu Donald Trump und den britischen Brexiteers. Macron machte Wahlkampf für Europa und hob sich damit von seinen Konkurrenten 2017 ab. Noch heute sind seine europäischen Ideen, etwa einer gemeinsamen Finanzpolitik, das Frischeste auf seiner Agenda.

Innenpolitisch hat Macron alle arbeitgebernahen Versprechen eingelöst, aber nahezu alle umweltpolitischen und sozialen abgesagt. Er hat die Arbeitslosenversicherung beschnitten und für Firmen günstiger gemacht. Er hat die Unternehmenssteuer gesenkt und als erste Amtstat die Vermögenssteuer abgeschafft. Diese Idee ist, so berichten es die Investigativjournalisten von Mediapart, offenbar nach einem nächtlichen Treffen mit den Chefs der größten Börsenkonzerne Frankreichs entstanden. Aus seiner Nähe zum Kapital und zur "Start-up-Nation", die er gerne hätte, macht Macron kein Geheimnis. Er fordert junge Menschen auf, "Milliardäre werden zu wollen", und sagte bei einem Treffen von Unternehmensgründern, es gebe "Menschen, die Erfolg haben, und Menschen, die nichts sind". Einem Arbeitslosen gab er den Rat, über die Straße zu gehen, "dann finde er auch Arbeit". Angesichts der Frequenz solcher Sätze können diese nicht mehr als Versprecher abgetan werden. Es scheint Macrons Überzeugung zu sein.

Hinzu kommt, dass der Präsident seine sozialen und ökologischen Versprechen gebrochen hat. Zwei davon waren, die Obdachlosen von der Straße zu holen und das Pestizid Glyphosat innerhalb von drei Jahren zu verbieten. Die Wohnungslosen, der tägliche, erbärmliche Ausdruck einer ungleichen Gesellschaft, sind heute so zahlreich wie zuvor. Ebenso ist die Zahl der armen Menschen gestiegen und dementsprechend die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergegangen. Auch ist Glyphosat weiter erlaubt. Französische Bauern haben sogar im Jahr 2018, aus dem die letzten verfügbaren Zahlen stammen, 24 Prozent mehr davon versprüht als jemals zuvor. Auch deshalb hat Macrons so beliebter Umweltminister Nicolas Hulot nach einem Jahr sein Amt selbst aufgegeben, viele weitere linke Abgeordnete folgten ihm.

Die Bevölkerung abseits der Hauptstadt traut Macron nicht über den Weg. Er wird beim Bäcker, auf dem Schulfest oder im Bus ausschließlich als Präsident der Reichen bezeichnet. Und die Gelbwesten wurden zwar durch Macrons geschickte landesweite "große Debatte" befriedet, aber ihr Unmut ist geblieben. Noch heute fahren viele Landbewohnerinnen mit der gelben Weste im Auto herum, noch immer wird das Symbol an manchen Kreisverkehren gehisst. Die Menschen sind pessimistisch. Landesweit glauben laut einer Umfrage 80 Prozent aller Franzosen, dass es ihnen unter der Regierung Macron schlechter geht und auch künftig schlechter gehen wird. Seine Anhänger hingegen sind die überdurchschnittlich Wohlhabenden. Es sind Menschen, die früher die konservativen Republikaner gewählt haben und häufig über 65 Jahren alt sind. Auch hier wieder: das klassisch schwarz-gelbe Milieu.